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Allitera Verlag

Münchner STATTreisen • Band 3

Bisher erschienen:

Susanna Lajtos
In luxuriösen Betten
Münchner Nobelherbergen und ihre Geschichte
(Band 1)

Christian Ertl
Macht’s den Krach leiser!
Popkultur in München von 1945 bis heute
(Band 2)

Angelika Dreyer & Carmen Finkenzeller
Auf geht’s, auf d’Wiesn!
Ein Spaziergang über das Oktoberfest
(Band 4)

Kristin Holighaus & Barbara Reis

»Das verfluchte Nest!«

König Ludwig II. und München

Allitera Verlag

Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter:

Für unsere großartigen Männer – danke für die stete Unterstützung!

K. H. und B. R.

Mai 2011

INHALT

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Nein, gemocht hat er sie wirklich nicht, die Residenzstadt München. Im Gegenteil. »Wenn man das verfluchte Nest doch nur an allen Ecken anzünden könnte!«, schäumte Ludwig II. gar nicht königlich-vornehm gegenüber einem Mitglied seines Kabinetts. Und in der Tat: Wo er nur konnte, mied der Monarch die bayerische Hauptstadt und ihre Bewohner. Nur ganze fünf Mal besuchte er als Monarch das Oktoberfest! Ein Fauxpas, den sich auch die Regierenden von heute nicht erlauben dürfen: Man stelle sich vor, ein bayerischer Ministerpräsident würde sich nicht auf dem größten Volksfest der Welt zeigen!

Ludwig beklagte sich bei Richard Wagner über den Münchner Plebs, bezeichnete München mehr als einmal als »unselige Stadt« und für kurze Zeit zog er sogar in Erwägung, seine Residenz ganz nach Nürnberg zu verlegen. Ja überhaupt, so sein königlicher Stallmeister, habe Seine Königliche Hoheit den überhaupt nicht frommen Wunsch geäußert, dass ganze bayerische Volk möge nur »einen Kopf habe, damit man es auf einen Streich hinrichten lassen könne«. Dementsprechend ließ er sogar ernsthaft prüfen, wo er sein Idealbild eines Königtums von Gottes Gnaden außerhalb Bayerns verwirklichen könnte. Zum Beispiel in Afghanistan …

Von den 296 Regierungstagen seines ersten Jahres als König verbrachte Ludwig gerade einmal 68 in München, insgesamt also nicht mehr als drei Monate. Im Sommer und Winter regierte er lieber von seinen Schlössern und Berghütten aus – was das Leben für seine Kabinettsekretäre, die ihm hinterherreisen mussten, nicht gerade einfacher machte. Ließ er sich anfangs noch auf Bällen in der Stadt sehen und gab Hoftafeln in der Residenz, so zog er sich ab 1870 immer mehr von der Stadt und seinem Volk in die Einsamkeit in der Natur zurück. Am Ende konnte der Monarch so gut wie gar keine Auftritte in der Öffentlichkeit mehr ertragen.

Wenn Ludwig von seinen Winteraufenthalten in Schloss Hohenschwangau zurückkehren musste, wollte er unterwegs oft noch umkehren. In München angekommen, verließ er dann mehrere Tage seine Wohnung nicht und klagte über Unwohlsein. 1877 beschrieb Ludwig in einem Brief die Residenz als seinen »goldenen Käfig« und erklärte weiter: »Kaum kann ich das Heranrücken jener seligen Tage im Mai erwarten, um die verhaßte, unselige Stadt auf lange Zeit zu verlassen, an welche mich nichts fesselt, die ich mit unüberwindlichem Widerwillen bewohne.«

Kein Wunder, dass Ludwig die Tradition seines Großvaters Ludwig I. und seines Vaters, Maximilian II., nicht fortsetzte und München keinen eigenen architektonischen Stempel aufdrückte. Abgesehen davon, dass sich die Landeshauptstadt zu dieser Zeit generell vom königlichen Einfluss emanzipierte, war Ludwig auch endgültig »beleidigt«, seit er den Traum vom eigenen Festspielhaus für seinen Freund Richard Wagner hier nicht verwirklichen konnte.

Und trotzdem: Wenn man sich in München auf die Suche nach König Ludwig II. macht, fügen sich wie bei einem Puzzle Stück für Stück wichtige Stationen seines Lebens zusammen. Dabei dem »wahren« Ludwig auf die Spur kommen zu wollen, ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Vielleicht ist es ja gerade seine Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit, die es zu entdecken gilt.

Auf der einen Seite pflegte Ludwig sich als Person des öffentlichen Lebens. Er liebte die Fotografie und war ein großer Förderer dieser neuen Technologie, bei jeder Gelegenheit verteilte er Karten mit seinem Konterfei und signierte sie auch.

Auf der anderen Seite ließ er das Theater vom Publikumsverkehr räumen, um nicht gestört zu werden, und lieber versenkte er sich in den Anblick der Berge als in den der bayerischen Bürger. Das Volk hat dem Monarchen zu Lebzeiten seinen realen und emotionalen Rückzug sehr wohl übel genommen und es stellt sich die Frage, warum gerade er, der sich nicht besonders volksnah zeigte, nach seinem Tod zu solch einer Ikone wurde. Der streng auf höfische Etikette bedachte Ludwig lebte weder bayerisches Brauchtum noch Sprache. Von seinem Personal hat er gefordert, dass es beim Servieren der Gerichte diese korrekt auf Französisch ankündigte. Wenn da auf Baierisch etwas Falsches gesagt wurde, soll er sogar Strafen angedroht haben. Er war beileibe nicht der »Kini«, sondern »Seine Majestät« oder »Le Roi« und im Gegensatz zu seinem Vater Maximilian II. oder seinem populären Nachfolger, Prinzregent Luitpold, war ihm die Distanz zum Volk gerade recht.

Dennoch wurde Ludwig nach seinem Tod bald wie ein Heiliger verehrt. Sein Konterfei schmückte jede zweite Postkarte aus Bayern – von denen ein Großteil aberwitzig kitschig war – und es setzte sich eine gigantische Maschinerie in Bewegung, die bis heute Kapital schlägt aus dem Monarchen und seinen Bauten. Und zwar weltweit …

»Es ist notwendig, sich Paradiese zu schaffen, poetische Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann«, hat Ludwig einmal gesagt. München war ihm kaum ein solcher Zufluchtsort und dennoch: Spuren des berühmtesten aller bayerischen Könige findet man einige, wenn man mit wachen Augen durch Münchens Straßen geht.

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Standpunkt 1 · St. Michael

Tod und Mythos

München trägt Trauer

19. Juni 1886: König Ludwig II. von Bayern wird in der Jesuitenkirche St. Michael beigesetzt und München trägt Trauer. Alle Geschäfte sind geschlossen, an den Häusern hängen schwarze Fahnen aus. Tausende säumen die Straßenränder, um Ludwig auf seinem letzten Weg die Ehre zu erweisen. Entlang der Wegstrecke des Trauerzugs werden Fensterplätze für teures Geld angeboten, wer einen ergattern kann, hat jetzt eine gute Sicht von oben.

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Die barocke St. Michaelskirche, mit dem zweitgrößten freitragenden Tonnengewölbe der Welt(Foto: David Iliff).

Mittags, gegen Viertel vor 1 Uhr, verlässt der Sarg mit dem toten König die Hofkapelle in der Residenz. Ursprünglich sollte er auf kürzestem Weg nach St. Michael gebracht werden. Doch wegen des großen Andrangs wird die Wegstrecke verlängert: Durch das Kapellentor und die Brienner Straße geht es nun in Richtung Karolinen- und Königsplatz, von dort durch die Arcis- und Sophienstraße zum Karlsplatz und schließlich durch das Karlstor nach St. Michael. Alle Glocken der Stadt läuten, Musikkapellen spielen Trauermusik. Das Wetter passt. Der Himmel ist an diesem Tag wolkenverhangen und düster. Doch als der Sarg Ludwigs aus der Residenz getragen wird, reißt der Himmel einen Moment auf, ein Sonnenstrahl fällt auf den aufgebahrten toten Monarchen.

Militär führt den Trauerzug an, es folgen Abordnungen der Münchner Schulen, Vertreter klösterlicher Orden, die königliche Dienerschaft, Kirchenoberhäupter, Kammerdiener, Leibärzte und 25 Guglmänner. Dann kommt der Leichenwagen, der von acht schwarz verhängten Pferden gezogen wird: In ihm der mit Reichs- und Ordensinsignien verzierte Sarg.

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Dabei sein ist alles! Der Trauerzug für König Ludwig II. am 19. Juni 1886.

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Dankgebet der Guglmänner für die Errettung König Ludwigs II. vor einem »Attentat« in den Bergen bei Linderhof. Das gestiftete Marterl zeigt den Hergang …

Hinter dem Wagen wird eines von Ludwigs Lieblingspferden geführt. Erst nach dem Vierbeiner folgen das Kruzifix und dann, tief gebeugt, Ludwigs Onkel, Prinz Luitpold, der neue Regent Bayerns – Ludwigs Mutter und sein Bruder Otto nehmen nicht an den Begräbnisfeierlichkeiten teil. Hinter ihm gehen der preußische Kronprinz Friedrich und der österreichische Kronprinz Rudolf. Es folgen die Verwandten, zahlreiche Vertreter deutscher und europäischer Adelsfamilien, die Minister, das Parlament, Staatsräte, Beamte, Bürgermeister vieler Städte und schließlich die Schweren Reiter und die Leichte Kavallerie, die Chevaux-Legers. Fast zwei Stunden ist der lange Trauerzug unterwegs, bevor er gegen 14 Uhr 30 St. Michael erreicht, wo der Sarg vom Stiftsdekan empfangen wird.

Während der Trauerfeier verfinstert sich der Himmel, ein Gewitter zieht auf. Ein Blitz, mit anschließendem gewaltigen Donnerschlag, schlägt glücklicherweise nicht in der Kirche ein. Aber einige Leute sollen durch die Wucht der Naturgewalt sogar an die Kirchenmauer geschleudert worden sein. Für die Zeitgenossen eine wahrhaft himmlische Stellungnahme zum irdischen Geschehen!

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Trauergottesdienst für König Ludwig II. von Bayern in St. Michael.

Was danach geschieht

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  Sechs Wochen lang wird in ganz Bayern durch Trauergeläut an den toten König erinnert.

  Zwei Tage nach der Beerdigung legt Sisi, die österreichische Kaiserin Elisabeth, Ludwigs Cousine zweiten Grades, einen Kranz am Sarg nieder.

  Bereits am 1. August 1886 werden die Schlösser Linderhof, Neuschwanstein und Herrenchiemsee der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, obwohl Ludwig dies nie wollte. Er meinte: »Der Blick des Volkes besudelt meine Schlösser.«

  Am 16. August 1886 wird Ludwigs Herz mit dem Zug vom Ostbahnhof aus in einer 65 Zentimeter hohen neubarocken Silberurne in die Marienkapelle nach Altötting gebracht und dort aufgestellt. Es steht auch heute noch neben den Herzen seiner Eltern, seines Bruders Otto und vieler weiterer Wittelsbacher. (Abb. S. 10)

Im Oktober 1886 bettet man die Leiche Ludwigs in einen großen Zinnsarg um, der dann in der Grablege der Wittelsbacher in der Krypta von St. Michael seinen endgültigen Platz findet.

  125 Jahre lang wird über den Tod des Königs gerätselt werden: Ist er wirklich im Starnberger See ertrunken? War es ein Unfall, Selbstmord oder gar Mord? Unzählige Bücher über Ludwig werden geschrieben, Filme gedreht, Musicals aufgeführt. Der Mythos vom »Kini« wird geboren.

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Ludwigs Sarkophag in der Wittelsbacher Gruft von St. Michael ist bei Weitem der Herausgeputzteste.

Der König ist tot – es lebe der »Kini«

Um es vorweg zu sagen: Den »Kini«, wie er heute verehrt wird, hat es so nie gegeben. Ludwig II. war eine sehr vielschichtige Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, die seine Fans heute lieber unerwähnt lassen. Doch Bilder und Assoziationen verselbstständigten sich und so wurde die Gestalt aus dem 19. Jahrhundert zu einem lebendigen Mythos der Gegenwart. Verkörpert Ludwig nicht die Sehnsüchte und unerfüllten Wünsche vieler? Kann sich nicht jeder ein Stück weit in Ludwig II. wiederfinden? Ludwig steht für Freiheit, er wollte Unabhängigkeit für sich und sein Land. Seine Schlösser sind der zu Stein gewordene Traum eines absoluten Königtums, für das es in seiner Zeit real keinen Platz mehr gab. Doch Ludwig verwirklichte sich seine Idealwelt und richtete sein Leben danach aus.

Ludwigs Bauwut bringt zu seinen Lebzeiten ein finanzielles Desaster mit sich und verschuldet die königliche Familie. Heute ist mit seinen zu Schlössern gewordenen Träumen jede Menge Geld zu verdienen: Im Jahr 2010 erbrachten die Eintrittsgelder seiner Schlösser mehr als 18,5 Millionen Euro. 1,3 Millionen Besucher bestaunten Hohenschwangau und Schloss Neuschwanstein. Und im Jahr seines 125. Todestages werden es kaum weniger sein. Ganz zu schweigen davon, was mit dem »Kini« in Form von Kunst, Kitsch und Kommerz verdient wird. Ludwigs Name wird für Bier, Brot und Vereine hergenommen. Sein Konterfei ziert Postkarten, Tassen, Hosenträger und sogar Toilettendeckel. Er hängt als Kugel am Weihnachtsbaum und wird in Liedern besungen. Sein Mythos lebt.

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