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Allitera Verlag

Münchner STATTreisen • Band 1

Susanna Lajtos

In luxuriösen Betten

Münchner Nobelherbergen und ihre Geschichte

Allitera Verlag

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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August 2010
Allitera Verlag
Ein Verlag der Buch&media GmbH, München
© 2010 Buch&media GmbH, München
Redaktion: Heidi Keller, München
Umschlaggestaltung: Dietlind Pedarnig & Alexander Strathern, München
Layout: Kay Fretwurst, Freienbrink
Gestaltung Stadtpläne: Victoria Keller, München
Herstellung: Kessler Druck + Medien GmbH & Co. KG, Bobingen
Printed in Germany · ISBN 978-3-86906-099-6

Inhalt

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von Susanna Lajtos

Was macht eigentlich den Unterschied zwischen einem Domizil der Spitzenklasse und einem ordentlichen Hotel aus? Konrad Hilton hat immer behauptet, es komme auf die Lage an. César Ritz dagegen betonte, es seien das Ambiente und der hervorragende Service, die gemeinsam für die exklusive Grand Hotel-Atmosphäre sorgten.

Dieses Buch gibt einen Überblick über die Anfänge der Münchner Hotellerie. Es berichtet über die Einführung von Gesichtskontrollen, die schon manch einem Gast den Eintritt verwehrten. Es beschreibt die ersten unbequemen Gästeunterkünfte mit Strohbett und Wandbrunnen, die Geburtsstunde der Grand Hotels in der Mitte des 19. Jahrhunderts und die damit verbundenen technischen Errungenschaften. Die schwierige Zeit während der beiden Weltkriege und der darauf folgende Wiederaufbau finden hier ebenso Erwähnung wie die Ausstattungs- sowie Serviceanforderungen, die ein Luxushotel von heute erfüllen sollte. Auf die nationenspezifischen Gästewünsche wird ebenfalls eingegangen. Ein Hotel ist ein Mikrokosmos für sich. Suite an Suite wohnen Adlige, Filmstars, Unternehmer und manchmal gar ein Hochstapler. Für die Gäste ist es ein Ort des Wohlergehens, für die Bediensteten ein Ort harter Arbeit. Dennoch: Hotels faszinieren – weil man als Gast den gewohnten eigenen vier Wänden und dem Alltag entfliehen und etwas Neues erleben kann.

Statt zu verreisen in der eigenen Stadt auf den Spuren der Geschichte wandeln und Unbekanntes entdecken – das ist das Konzept von STATTreisen e. V. Vielleicht bekommen Sie durch dieses Buch Lust, sich eigene Eindrücke über die hier vorgestellten Hotels zu verschaffen und somit innerhalb Münchens zu »verreisen«, sei es in Form eines Brunchbesuchs am Vormittag, einem abendlichen Barbesuch oder eines Tagesaufenthalts in der Spa-Landschaft. Wem danach nicht der Sinn steht, der kann mit einem Schmunzeln an den Nobelhotels der Münchner Altstadt vorbeigehen, mit dem Wissen, in welcher Luxusherberge sich ein Teil der historischen Stadtmauer versteckt, wo einst Kaiserin Elisabeth von Österreich ein Stockwerk flutete und in welchem Foyer man das bayerische Alpenglühen bestaunen kann.

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Altstadt, Standpunkt 1 • Viktualienmarkt

Gastfreundschaft aus Nächstenliebe

Die Geburtsstunde des Herbergswesens

Manch einen mag es verwundern, welchen Zusammenhang es zwischen dem Viktualienmarkt und den Münchner Nobelhotels zu geben scheint. Doch genau an diesem Platz begann die Entwicklung des hiesigen Beherbergungswesens. Um diese Anfänge besser zu verstehen, macht es Sinn, sich kurz mit der generellen Entwicklung auseinanderzusetzen. Es wäre zu umfangreich, an dieser Stelle die gesamte Geschichte und geografische Ausdehnung der Gästeunterbringung zu erläutern, denn die Wurzeln des Beherbergungsgewerbes reichen bis in das Jahr 2100 vor Christus zurück. Von Kriegszügen, Völkerwanderungen und wenigen berühmten Einzelreisenden wie Odysseus oder Marco Polo einmal abgesehen, gab es in unserem Kulturkreis einen über reine Botengänge hinausgehenden Reiseverkehr über längere Strecken erst mit den Wallfahrten des frühen Mittelalters sowie durch Handelsreisende und Kaufleute, die es in die aufstrebenden Städte zog.

Im 13. Jahrhundert entstand mit dem Aufkommen jener wirtschaftlich prosperierenden und dadurch wachsenden Städte das Problem der Sozialversorgung.

Im Mittelalter berief man sich daher auf die Pflicht eines jeden Christen, Reisende unentgeltlich und aus Nächstenliebe bei sich zu beherbergen – egal, ob als Privatperson oder als Kircheninstitution. Klöster waren die ersten Einrichtungen, die Hospitäler oder auch Räume errichteten, in denen Pilger und Fremde ein Dach über dem Kopf fanden – vor allem in München, einer von Mönchen gegründeten Siedlung, die im Jahr 1158 erstmals urkundlich als Stadt erwähnt wurde.

Die erste Herberge Münchens, die der christlichen Beherbergungspflicht nachkam, befand sich zu Beginn des 13. Jahrhunderts auf dem heutigen Areal des Viktualienmarkts. Hier stand einst das vom Klerus verwaltete Heiliggeistspital. Der bürgerliche Heiliggeistorden, der gegen Ende des 12. Jahrhunderts in Montpellier seinen Anfang genommen hatte, sah seine Aufgabe im Spitalwesen und der damit verbundenen Krankenpflege.

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Der Heiliggeistspital-Sprengel nach dem Stadtmodell von Jakob Sandtner, 1570, Maßstab 1:616, Bayerisches Nationalmuseum

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Das Brückentor und die Isar, München von Haidhausen aus gesehen. Vedutenmalerei von Canaletto, um 1761

Das Münchner Heiliggeistspital wird erstmals in einem Schutzbrief von Papst Innozenz IV. im Jahr 1250 urkundlich erwähnt, bestand aber vermutlich schon früher. Quellen wie die »Indersdorfer Annalen« oder das »Franziskaner-Totenbuch« weisen bereits auf 1208 als Gründungsjahr hin. In diesem Jahr ließ Herzog Ludwig der Kelheimer vor den Toren der Stadt und am Fuße des Petersbergls ein Hospital errichten, das als Unterkunft für Pilger und durchreisende Fremde genutzt wurde. Das klösterliche Hospital (griech. xenos, lat. hospes = Gast, Gastfreund, Fremder) des christlichen mittelalterlichen Abendlands hat sich aus dem sogenannten Xenodochium, einer Fremden- und Pilgerherberge in der Antike und der frühchristlichen Zeit, entwickelt.

Später fielen den Hospitälern weitere Aufgaben zu, wie die Versorgung und Pflege von Kranken, Armen und Waisen. Damit diese Einrichtungen bewirtschaftet werden konnten, waren sie auf die Spenden aus der Stadtkasse und der Bürger angewiesen. Im 15. Jahrhundert verwandelten sich die klösterlichen Spitäler mehr und mehr in reine Kranken- und Armenhäuser, dies zeigt auch das Stadtmodell von Jakob Sandtner (siehe S. 10) aus dem 16. Jahrhundert, auf dem das Pilgerheim des Münchner Heiliggeistspitals nicht mehr zu sehen ist.

Durch die Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das bis dahin von der Kirche bewirtschaftete Areal auf dem heutigen Viktualienmarkt der königlichen Verwaltung unterstellt und in den Innenhof des einstigen Heiliggeistspitals ein Lebensmittelmarkt verlagert. Nur die Heilig-Geist-Kirche erinnert noch an die Vergangenheit dieses Platzes. Doch wie arm wären die Münchner Hoteliers im katholisch geprägten Bayern heutzutage, wenn sie der christlichen Beherbergungspflicht nachkommen und jeden Gast unentgeltlich aufnehmen müssten? Beispielsweise das im Jahr 2009 eröffnete Boutique-Hotel Louis, das zum hochpreisigen Segment zählt und sich am Viktualienmarkt befindet? Die Gäste würden sich über die christliche Nächstenliebe und die damit verbundene kostenlose Gastfreundschaft des »neuen Heiliggeistspitals« sicher freuen. Die Hoteliers wohl weniger, da dies wirtschaftlich kaum tragbar wäre. Letzteres dachten sich bereits Ende des 13. Jahrhunderts zwei Gastwirte aus Florenz. 1282 beschlossen sie, das Herbergswesen in eine kostenpflichtige Zunft umzuwandeln. Jeder Herbergsvater, der künftig gegen Gebühr Gästezimmer anbieten wollte, musste einen Anteilsschein an dieser Zunft erwerben. Schnell griff das Prinzip, fortan nur gegen ein Entgelt Gästen eine Unterkunft zu bieten, von Italien aus auf ganz Europa über.

Die ersten Gaststätten und Beherbergungsbetriebe wurden an infrastrukturell wichtigen Standorten errichtet, beispielsweise an Flussübergängen, Straßenkreuzungen und Standorten der Post. Letzteres erklärt auch, warum bis heute vor allem in peripheren Gegenden die Herbergen als »Gasthof zur Post« bezeichnet werden.

Damals gab es noch keine Hotels, wie wir sie heute kennen, denn diese bildeten sich erst später heraus. So waren es im Mittelalter die Weinwirte oder Bierbrauer, die das Privileg besaßen, Fremde zu bewirten und zu beherbergen.

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Salzfuhrwerk im Mittelalter

In München kam es im 15. Jahrhundert aufgrund zweier Handelsstraßen, die durch die Stadt führten, zu einem Besucheranstieg von Kaufleuten, Pilgern und Kreuzfahrern.

Bis 1587 hatten die Münchner Salzkaufleute das alleinige Salzstapelrecht und Salzhandelsmonopol. Dies bedeutete, dass zwischen Landshut und den Alpen westwärts transportiertes Salz in München zum Verkauf angeboten werden musste. Neben der Salzroute verlief auch die aus Südeuropa kommende Weinstraße durch die Stadt. Die Händler aus Italien brachten edlen Schmuck, kostbare Stoffe und Weine nach München. Doch nicht nur Salz- und Weinstraße führten zu einem höheren Verkehrsaufkommen. Ende des 15. Jahrhunderts sahen die Franzosen »Deutschland« als Mittelpunkt des Welthandels an. Zudem baute München seine Handelsbeziehungen zu den oberitalienischen Städten sowie zur Hanse im Norden des Landes aus. So kam es, dass neben den Pilgern und Kaufleuten, Kaisern, Königen und Herzögen auch Handwerker, Handlungsreisende, Künstler sowie die ersten »Touristen« mit Reiseziel Süden oder dem Orient haltmachten. Jeder von ihnen brauchte ein Dach über dem Kopf und hatte nach einer beschwerlichen Reise meist nur ein Ziel: sich in einer Herberge von den Strapazen der Anfahrt zu erholen. Das war die Geburtsstunde des Münchner Herbergswesens.

In der Stadt lagen kostenpflichtige Unterkünfte meist an jenen Standorten, durch die die Fremden die Stadt betraten – in München waren dies die einstigen Einfallstraßen Neuhauser Straße, Sendlinger Straße, Residenzstraße, Theatinerstraße und das Tal mit seinem Thaltor (heutiges Isartor). Das Thaltor war das meistfrequentierte Stadttor des 15. Jahrhunderts – da lag es nahe, hier den erschöpften und ortsfremden Ankömmlingen ein Dach über dem Kopf anzubieten. So ist es nur allzu verständlich, dass im Mittelalter an diesem Standort die meisten Herbergen zu finden waren.

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»Marienplatz« von Johann Poppel, 1850