image

images

Wer glaubt, dass das Abenteuer Fernost mit der Pekinger Passkontrolle anfange, der irrt. China beginnt im Flugzeug.

images

Diese Chinglish-Schönheit steht vor Maos Freiluft-Museum in seinem Heimatdorf Shaoshan. Viele weitere Beispiele finden Sie unter www.chinglish.de.

images

China ist das Land der Schrubber – jeden Tag kämpfen unzählige Putzkräfte gegen den enormen Dreckauswurf der Millionenstädte an.

images

Udo Hoffmann – wie ein schwäbischer DAAD-Lektor die größten Rockkonzerte des Landes organisieren kann erfahren Sie auf S. 100.

images

In Chinas Städten verschwindet die Großfamilie. Glücklich sind die Eltern, oft selbst Einzelkinder, die noch Babysitter in der Familie haben.

images

In China kann man nicht lecker frühstücken? Wer nur im Hotel essen mag, ist selber schuld. Probieren Sie Pfannkuchen direkt von der heißen Platte.

images

Der junge Shanghaier Sänger Coco erinnert an den Glanz früherer Jazztage. Sein Können macht die Unterscheidung in Ost und West überflüssig.

images

Immer mehr junge Chinesen suchen sich den Partner selber aus. Zur Hochzeitsfeier trägt die Braut gerne weiß.

images

Unterschiedliche Biographien, ein gemeinsames Ziel: Eine meiner Englisch-Klassen für Erwachsene im Shanghaier Changshou-Park.

images

Sollten Sie länger als eine Woche in China bleiben, kaufen Sie sich ein Fahrrad – in der Menge durch die Stadt zu radeln ist ein Erlebnis.

images

Ein chinesisches Sprichwort sagt: Ist der Donner laut, bleibt der Regen bescheiden. Außer den Bauten ist nicht viel geblieben von den 29. Olympischen Spielen.

images

Yang Yi, Chinas erster Liedermacher, genießt den Feierabend nach seinem täglichen Konzert vor dem Nationalen Kunstmuseum in Peking.

images

Der Autor beim hingebungsvollen Stöbern nach chinesischen Comics auf dem Antiquitätenmarkt Panjiayuan in Peking.

images

Auf Platz Acht der linguistischen Hitparade: xiuxi – „ausruhen, Päuschen machen“, hier perfektioniert am Shanghaier Straßenrand.

images

China – das Land der Spieler, täglich kommen die Alten in die öffentlichen Stadtparks und wetteifern um das bessere Blatt und die bessere Sicht.

images

Haben Chinesen tatsächlich Schlitzaugen? „Was Sie schon immer über China zu wissen glaubten“ lesen Sie auf S. 208.

images

Was für ein Leben: schlafen und essen. Kein Wunder, dass der flauschige Staatsschatz bei so manchem Parteikader höchst beliebt ist.

Der kleine Unterschied

Ihr Nachname steht vor dem Vornamen. Ihre Trauerfarbe ist weiß. Unser Vormittag ist ihr Aufmittag, ihr Tag hat zwölf statt vierundzwanzig Stunden. Unser Januar ist ihr Monat Eins, unser Mittwoch ihr Tag Drei. Sie leben unter dem Himmel, nicht auf der Erde. Ihr Kompass zeigt nach Süden, Nordost ist Ostnord und unsere Milchstraße ist ihr Silberfluss. Die Giraffe ist ein langhalsiger Hirsch, der Bulldozer eine Dreckschiebemaschine und das Telefon heißt elektrische Sprache. Auf der Technoparty schluckt man die Kopfschüttelpille, und wenn der Ätna ausbricht, speiht ein Feuerberg. Sie zählen durch Wegkrümmen der Finger statt durch Ausstrecken. Unsere Zahl zwei, dargestellt mit Daumen und Zeigefinger, ist ihre Zahl acht. Das Fahrrad ist ein Selbstreisevehikel, und mit dem Elektrohirn geht man ins Internet, Graf Dracula ist ein bekannter Blutsaugegeist und Dinosaurier waren schreckliche Drachen. Sie setzen den Ehrengast auf die linke statt die rechte Seite. Nelken heißen Duftsteinblumen und die Magnolie ist eine Weiße Jade-Orchidee. Herr Müller wird zu Müller Herr und Minister Fischer ist Fischer Minister. Kartoffeln sind Erdbohnen, die Südmelone ein Kürbis und die Variante aus dem Westen eine Wassermelone. Die Gerade-Steig-Maschine lässt ihre Rotorblätter kreisen und der Rikscha-Fahrer benutzt ein Menschenkraftvehikel. Am Gingko-Baum hängen Silbermandeln und die Jugend trägt Kuhjungenhosen.

Herzlich willkommen in China!

Woran denken Sie, wenn Sie „das Reich der Mitte“ hören? An „Kommunismus, Mao und das kleine rote Buch“ oder eher an „Pekingoper, Zöpfe und den Boxeraufstand“? Vielleicht auch an „Wirtschaftswachstum, Staudämme und Einzelkinder“? Egal, welche Assoziationen das Land bei Ihnen auslösen mag, einheitlich ist das Bild von China nicht. Schon gar nicht in Deutschland. Immer noch dominieren euphorische oder dämonisierende Berichte über die aufsteigende Wirtschaftsmacht, vollmundige Ratgeber für Manager oder einseitig sinophile Reiseführer den deutschen Büchermarkt.

Meine Beschäftigung mit China begann in der 9. Klasse als abendliche Chinesisch-AG am Moltke-Gymnasium in Krefeld am Niederrhein. Meiner ersten China-Reise im Jahr 2000 folgte ein Jahr Studium an der Fremdsprachenhochschule in Shanghai, wo ich – sehr zum Leidwesen einiger Dozenten – mein Chinesisch lieber an den Marktfrauen als an ihnen testen wollte.

Ich bin in meinem Studienjahr und danach viel durch das Land gereist, habe mir Shaoshan, das Heimatdorf Mao Zedongs, ebenso angesehen wie das Grab des Konfuzius in Qufu – Geburtsorte der beiden großen Antipoden des chinesischen Alltagslebens. Ich habe eine der letzten Gelegenheiten genutzt, am unfertigen Koloss des Drei-Schluchten-Staudamms vorbei, den Yangtze hinaufzufahren. Seitdem bin ich jährlich in China gewesen, als Kindergärtner oder Sprachlehrer, als Reporter, Orchestermanager, als Pressesprecher oder Dolmetscher.

Nicht von allen Ereignissen und Personen kann hier die Rede sein: Die oberen Zehntausend und die Bauern kommen in diesem Buch nur am Rande vor. Ich habe zwar schon mit dem stellvertretenden Landwirtschaftsminister der Volksrepublik zu Abend gegessen und bin in chinesischen Dieselzügen mit den Landbewohnern durch die Provinzen gefahren, doch die Hauptfiguren auf den folgenden Seiten sind die Chinesen, mit denen Ausländer am häufigsten zu tun haben: die städtische Mittelschicht. Ich erzähle von ihrem Leben und ihren Alltagssorgen. Ich sitze mit jungen Eltern am Küchentisch ihrer Wohnung, interviewe chinesische Jazzmusiker und Pekings ersten Liedermacher und drehe mit Chinesen Werbefilme.

Sie, lieber Leser, erfahren, welche Gemeinsamkeiten sich zwischen Pandas und Parteikadern finden und warum ein Fahrrad möglichst zwei Klingeln haben sollte. Wenn Sie möchten, nehme ich Sie mit auf eine typische Taxifahrt, auf eine chinesische Hochzeit und ins Krankenhaus.

In diesem Buch finden sich ebenso Kapitel, die Sie – weniger autobiographisch gefärbt als andere – über China informieren sollen. Ausgewählt habe ich Themen, die meiner Erfahrung nach im chinesischen Alltag eine Rolle spielen, sei es die chinesische Farbenlehre oder das System der Tierkreiszeichen oder der mitunter überraschende Unterschied in der Gestik. Auch die Karte am Ende des Buches soll keinen Atlas ersetzen oder alle Stätten zeigen, die ich im Laufe von zehn Jahren besucht habe. Nein, Chinesen freuen sich besonders über Ausländer, die sich ein wenig in ihrem Heimatland auskennen, daher sei Ihnen diese Karte lediglich als minimale geographische Orientierungshilfe empfohlen.

Das Reich der Mitte modernisiert sich rasend schnell. Viele Großstädte scheinen sich kaum noch von den Metropolen anderer Nationen zu unterscheiden. Dass die Menschen in Shanghai oder Peking dennoch völlig anders denken können als die in Berlin oder München, zeigt sich am Ausdruck nachhaltiger Verwirrung, der mir in keinem anderen Land, das ich bislang bereist habe, so oft entfahren ist wie hier: Wie jetzt?! Warum sitzen chinesische Männer im Sommer immer mit hochgerollten Hosen am Straßenrand? Wie kann einem Restaurant in China der Reis ausgehen? Und überhaupt: Wieso entwickelt dieses Land eine derartige Liebe für den Saxophonspieler Kenny G?

„Wie jetzt?!“, rufe ich aus, wenn in einer Karaokebar das Video zu „Obladi Oblada“ von den Beatles einen griechischen Fischer beim Netze flicken zeigt, dann zwei Frauen im Badeanzug, die durch einen Nadelwald spazieren und zum Schluss ein Fotoshooting mit blonden Kleinkindern. Im selben Video. Und warum lässt sich so mancher Chinese gerne auf offener Straße mit Stahlstängchen und Stirnlampe die Ohren reinigen (siehe Coverfoto aus Chengdu)?

Wie Sie sich denken können, ist manche meiner Fragen noch immer ohne Antwort. Wenn Sie sich während Ihres Aufenthaltes einen eigenen Reim auf die Rätsel des chinesischen Alltagslebens machen konnten, würde ich mich über Ihre Rückmeldung sehr freuen.

Sollten Sie während der Lektüre dieses Buches Lust auf eine Reise ins Reich der Mitte bekommen, hat es seinen Zweck erfüllt.

Laozi wusste, während er sich gemächlich seine Wanderschuhe schnürte: „Eine Reise von tausend Li beginnt mit dem ersten Schritt“. Also, laufen wir los!

Über den Wolken

Das chinesische Abenteuer beginnt im Duty-Free-Shop am Frankfurter Rhein-Main-Airport. Es ist 18 Uhr 30.

Ein Streit zwischen chinesischen Geschäftsmännern, klein, quadratisch, gewagt gefärbte Jacketts, entbrennt an der Kasse: Der Kollege will unbedingt alle Einkäufe zahlen – Parfüm, Zigaretten und die Schokoladenkollektion.

Der erste Aufruf zum Boarding an Gate 28 ist ein Signal, das die schwarzhaarige Gruppe ungeduldig Sonnenblumenkerne kauend erwartet hat. Alle – die Familie mit dem neugeborenen „kleinen Drachen“, Genossenschaften und allein reisende Manager – durchfährt es wie ein Blitz: Der erste, ich muss der erste im Flugzeug sein. In der aufkommenden Panik, trotz ordnungsgemäßer Boardingkarte keinen Sitzplatz zu bekommen, wird wenig Rücksicht genommen auf Landsleute und die gerade erworbenen Einkäufe. Eine Weinflasche wird zertrampelt und wieder entbrennt Streit.

Ein halbes Dutzend zerbrechlich aussehender Flugbegleiterinnen führt in der ausgebuchten Boeing 747 ein Regiment unter Volldampf: Passagiere streiten sich mit kindlichem Eifer um den Sitzplatz. Einige halten die Bordkarte falsch herum und laufen verwirrt durch den Flieger, andere wollen unbedingt am Fenster sitzen und werden erneut laut.

Während der Flieger Richtung Startbahn rollt, werden die im Hotel begonnenen Business-Gespräche mit dem Sitznachbarn fortgesetzt. Wenn die kein Ergebnis bringen sollten, bleibt immer noch das Duty-Free-Magazin, in dem nachzulesen ist, was man im Flughafen zu kaufen vergessen hat. Und wie man diesen Shopping-Schnitzer noch vor der Landung wieder ausbügeln kann.

Die häufigste Frage an die Stewardessen nach „Wo ist mein Platz?“ lautet „Wo sind die chinesischen Zeitungen?“ und ein allgemeines Raunen schwappt durch die Reihen vor und neben mir, als zu hören ist, dass man sich mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung begnügen müsse.

Noch über Hessen schlägt mir der Geruch durchgehangener Nyltestsocken in die Nase. Meine Nachbarn haben sich die Halblederslipper ausgezogen und pulen durch das durchsichtige Material nach Herzenslust in den ergiebigen Jagdgründen ihrer Zehzwischenräume.

Der stämmige Major im Sitz vor mir mit Bürstenhaarschnitt und erkennbarem Bluthochdruck trägt hellgrau mit Karo, sein stiller Nebensitzer findet heute hellblau besonders schön. Seine Müdigkeit kann die Sockenfarbe allerdings nicht vertreiben. Er lässt nur ab und an matt einen Satz in die lebhaften Monologe des kugeligen Majors fallen.

Zwischen Bierfahnen – die Stewardess hat gerade die zweite Runde Erfrischungsgetränke ausgeteilt – und mitgebrachten Würstchenpackungen nehme ich auf einmal den starken Geruch chinesischer Kräutermedizin wahr. Jemand in der Runde um mich scheint erkältet zu sein. Vielleicht hat er auch Angst vorm Fliegen.

Über Warschau wird es ruhig. Drei Dutzend Köpfe vor und um mich herum versenken sich in die Tiefe ihrer Plastikschalen, die entweder Huhn, Schwein oder Rind enthalten sollen. Ab und zu höre ich genussvolle Schmatz- und Rülpsgeräusche.

Die größte Gewöhnung an die chinesische Essenskultur sind – an dieser Stelle darf ich es sagen – nicht die lutheranischen Begleitgeräusche beim Essen, es ist die Essensaufnahme selber – wenn hungrige Münder einer pneumatischen Zugtoilette ähnlich mit unnachgiebigem Sog Reis und Gemüsestückchen lautstark vom Schüsselrand inhalieren.

Die meditative Saugerei wird nur kurz von einer lautstarken Maulerei unterbrochen, weil das Hühnchengericht ausgegangen ist. Ausgerechnet! Wo sich doch selbst in Heidelberg chinesische Studenten darüber freuen, dass in Mannheim eine Filiale des amerikanischen Hühnchencolonels aufgemacht hat.

Die Stewardess betont, dass es sich bei den anderen Gerichten um Rind und Schwein aus deutscher Produktion handelt. Bevor ich verstanden habe, in welcher Form das ein Verkaufsargument sein soll, hat der Satz bereits Wirkung gezeigt und alle Unzufriedenen treffen ihre Wahl.

Meine Flugbegleiterin hat sich gemäß der modernen chinesischen Angewohnheit einen englischen Vornamen ausgesucht – „Laura“ – und freut sich über unsere Gemeinsamkeit, an einer Fremdsprachenhochschule studiert zu haben, sie in Guangzhou, ich in Shanghai. Eigentlich stammt sie aus der nordwestlichen Provinz Xinjiang. Der Wind der uighurischen Steppe scheint sie unempfindlich gemacht zu haben gegen die dauernde Unzufriedenheit chinesischer Fluggäste. Dennoch freut sie sich – vielleicht gerade aufgrund der Zügellosigkeit der Reisenden – über meine höfliche Frage nach Tomatensaft, die ich nicht als lautstarkes „Ey!“ über alle Sitzreihen hinweg in den Aufenthaltsbereich der Stewardessen einfallen lasse.

Die Mahlzeit ist zu Ende, die Essenstabletts werden hochgeklappt, ein knappes „Gut“ meines Sitznachbarn als Kommentar zum Essen und der Geräuschteppich beginnt erneut durch die Maschine zu fliegen. Die ersten Fluggäste sind bereits aufgestanden und defilieren für einen kleinen Verdauungsmarsch als zahnstocherkauende Brigade an meinem Platz vorbei.

„Laura“ braucht lange, um die perfekt raumrationalisierten Versorgungswagen wieder mit einem bunten Tablettkonglomerat zu füllen – zu gigantisch ist das Chaos aus In-, Um- und Aneinandergestapeltem, das ihr aus allen Richtungen gereicht wird. Doch weder Gäste noch Stewardess werden ungeduldig. Mit regungsloser Miene arbeitet sich „Laura“ Reihe für Reihe durch die Touristenklasse.

Hinter Warschau treffen sich mit den ersten Dessertbieren im Magen kleine Grüppchen im Gang, wo sie dem Speakers’ Corner im Londoner Hyde Park alle Ehre machen und lautstark ihre Meinung äußern. Andere stellen sich um einen einzelnen Sitzplatz, dort, wo der Chef seine Mahlzeit beendet und bemühen sich ausdauernd um dessen Aufmerksamkeit.

„Laura“ hat das alles hundertfach gesehen und mit unbeirrtem Gesichtsausdruck räumt sie den Essenswagen komplett voll, ermahnt die Gäste unaufdringlich, nicht ständig im Weg zu stehen und ihre Gespräche ein weniger leiser fortzuführen.

Der Chinese zwei Reihen vor mir hat beschlossen, dass den Fernsehnachrichten auf dem Sitz kniend einfach besser nachgegangen werden kann und versperrt damit den hinter ihm sitzenden Reihen die Sicht vollständig.

Niemand hat bisher sein Jackett ausgezogen.

Dafür zeigt mir die emporschnellende Hand des Majors vor mir seine langen dunkelgrauen Fingernägel an kleinem Finger und Daumen, die – auf die Kopflehne gebettet – wie spitze Vorwürfe auf mich zeigen. Hinter mir staut sich der Gang zu einer beachtlichen Traube heran. Der Chef hat ein Meeting einberufen, bei dem keiner fehlen darf.

Über Bordfunk werden die Gäste höflich gebeten, sich wieder gleichmäßig übers Flugzeug zu verteilen.

Hinter der russischen Grenze werden die ersten Skat-Karten gemischt. Langsam wird es gemütlich. Jeder Mitspieler hat seine bunt bestickten Pantoffeln fein säuberlich im Mittelgang aufgereiht, so dass die Stewardessen drüberstolpern. Dafür bringen sie ein wenig Heimeligkeit in das anonyme Setting der Sitzreihen – ein buntes Hausschuhbataillon fast wie zu Hause.

Bald darauf ist das vertraute Klatschgeräusch niederprasselnder Karten zu vernehmen, begleitet von kurzem Gelächter, das so viel sagen will wie „Du alter Fuchs, hast mich schon wieder drangekriegt, was? Hehe …“

Angesichts der auf den Tisch gelegten Summen, um die es hier offensichtlich geht, kann es sich dabei aber durchaus auch um ein nervöses Lachen handeln. Eine Pause wird eingelegt, als die Stewardess Entry Cards verteilt, die die meisten zum ersten Mal ausfüllen. Was soll ich denn hier hineinschreiben, Adresse, Pass- oder Visumsnummer oder wie? Und schon ist der Gang wieder angefüllt mit Auskunftswilligen und -suchenden.

Die ausgestreckte Hand des Majors schwebt davon völlig unberührt als kraftloses Fingerbündel in der Mitte des Videobildschirms, der nun seit geraumer Zeit ausführliche Berichte zur National Basketball Association aus den USA liefert. Die Begeisterung für afroamerikanische Sportstars wundert mich immer wieder angesichts der ernst gemeinten und oft gehörten Aussage von Chinesen, dass Schwarze Wilde seien.

Der Zockertisch am Nachbarplatz ist mittlerweile wieder gut besucht. Immer mehr neugierige Zuschauer wollen miterleben, wer den etliche große Scheine enthaltenden Jackpot abräumt. Dabei erliegen ein paar der Versuchung mitzuspielen und ziehen ebenfalls ein Bündel blass-roter 100-Yuan-Scheine aus der Tasche, um lauthals in die Runde einzusteigen.

Mein Blick trifft auf den ersten Sieger des Abends, der sich sichtlich darüber freut, dass ich ihn im Moment seines Triumphes wahrnehme.

Die wenigen hochnasigen Bleichgesichter an Bord haben sich in ihre Laptops oder Tageszeitungen vertieft und signalisieren angesichts dieser chinesischen Versammlungsfreude vor allem eines: bitte, bitte in Ruhe lassen, mich.

Der Major vor mir scheint schlecht zu träumen. In die graue Faust kommt Leben, seine langen Fingernägel zucken unregelmäßig hin und her.

Ein Duftschwall von Eau de Toilette überschwemmt meinen olfaktorischen Claim wie eine norddeutsche Springflut. Die Frau des Chefs war im Bord-WC und hat sich kräftig am Wasser der Marke „Air China“ gelabt.

Vor Minsk ist der Zockertisch auf zehn Leute angewachsen, selbst die Damen haben sich eingeschaltet und rufen aus der dritten Reihe ein lautes Oooh oder Aaah in die Tischmitte, wenn dort der Sieg besonders deutlich ausfällt.

Vor Moskau haben die Damen aber wieder anderes im Sinn: Gibt es Ophelia Nr. 66 in Schwarz oder Silber noch zu kaufen? Das entschiedene „Meiyou“ der Stewardess quittieren sie mit hörbarer Enttäuschung. Das Parfüm für 89 Euro ist längst ausverkauft.

Und auch eine weitere Hiobsbotschaft hält die Überquerung der russischen Hauptstadt bereit: Die Purserin hat Wind bekommen von den zockenden Glücksrittern aus Shanghai und unterbindet mit eindeutigen Worten das Spiel um Geld.

„Eine Runde gebe ich Ihnen noch, dann stecken Sie das Geld weg“, lautet die entschiedene Forderung von Oberstewardess „Susie“. Dann ist sie auch wieder unterwegs mit einem reichlich gefledderten Duty-Free-Wagen und ihrer konsumfreudigen Entourage im Schlepptau.

Um kurz vor eins stelle ich nach meiner Rückkehr aus der Toilette fest, dass sich einer der beleibten Chefs auf meinen Platz gesetzt hat und mit meinen Kopfhörern eingeschlafen ist. Ich versuche ihn zu wecken, woraufhin er einen Platz weiter rutscht und die Kopfhörer aufbehält. Anscheinend gefällt es meinem Dicken hier, der ähnlich dem Bürstenschnitt-Major wilde Träume zu haben scheint.

Vor Ust-Kamenagorsk habe ich genug. Ich verlasse das laut schnarchende Bündel und komme mit „Laura“, der Stewardess, ins Gespräch. Wie sie denn mit den hohen Anforderungen der chinesischen Gäste fertig werde, will ich wissen.

Ihre Antwort hat wie so vieles mit Geld zu tun: Chinesen würden im Verhältnis zu Ausländern eine Menge Geld für den Flug bezahlen und sähen daher im Flugzeug nicht nur ein Transportmittel, sondern vor allem eine Unterhaltungsreise. Sie wollen einen gebührenden Service mit Shopping, Alkohol und größter Freundlichkeit. Die Entwicklung ihrer Heimat geschehe so schnell, dass die Bürger kaum noch nachkommen. „Für viele ist das die erste Heimreise und sie wissen nicht, wann sie erneut ins Ausland dürfen. Im Westen sind Flugregeln bekannt, hier macht eben jeder das, was er für richtig hält.“

Ich erzähle ihr von meinem Eindruck, dass sich die Handy-Sucht der chinesischen Fluggäste in den letzten Jahren spürbar entspannt hat. Ihre Reaktion ist ein heftiges Kichern in Erinnerung an eigene Erlebnisse aus der Zeit, als man dem Fluggast beim Rollen auf der Startbahn das Mobiltelefon beinah aus der Hand reißen musste, damit der Flieger ohne Funkstörung überhaupt starten konnte.

Über Irkutsk löst sich ein jahrealtes Mysterium. Warum rasen chinesische Fluggäste auf das Boarding Gate zu, wenn sie doch Platzkarten in der Hand halten, will ich von der Chinesin wissen, und dieses Mal erhalte ich eine besonders schöne Antwort:

„Wir Chinesen sind halt sehr leidenschaftlich“, lächelt mich „Laura“ unverblümt an und lässt mich anschließend mit der Analyse der Aussage allein. Die Flugzeugtoilette muss gereinigt werden.

Da passt es, dass zwischen Ulan-Bator und Peking Ruhe im ganzen Flieger herrscht.

Als das Kabinenlicht zwei Stunden vor der Landung wieder aufflackert, ertönt als dynamisches Signal in den Tag ein gähnender Choral aus den Sitzreihen. Viele Chinesen verbinden jegliche Form von körperlicher Beschäftigung auf freudige Weise mit Geräuschen aller Art. Besondere Fürsorge lassen sie aber beim Gähnen walten, so dass auch der kopfhörerbewehrte Pilot im Cockpit weiß, dass seine Gäste nun wach sind und ihr Frühstück wünschen. Die Pokerrunde von letzter Nacht gibt sich auch in dieser Hinsicht große Mühe und jodelt mit wackelndem Unterkiefer in den chinesischen Morgen hinein.

„Laura“, die Stewardess, bringt einen Kaffee vorbei und hat nach der nächtlichen Plauderei heute Morgen wieder ihr professionelles Service-Gesicht aufgesetzt.

Der dicke Sakkoträger neben mir hat seine morgendliche Kieferngymnastik beendet und lacht mich gemütlich an. Mit hoch gekrempelten Hosenbeinen, die er über die Knie stülpt, wartet er gespannt auf das Video mit der Morgengymnastik.

Eine Stunde vor der Landung trippelt die Fitnessqueen von Air China ins Fernsehstudio und beginnt, ihren Pferdeschwanz durch die Luft zu wirbeln. Drei Dutzend Köpfe vor der Leinwand wirbeln mit. Der Dicke neben mir nutzt die Gelegenheit, die Zehenzwischenräume seiner Füße einer erneuten genaueren Betrachtung zu unterziehen.

Und auch Major Langkralle hat mit rhythmischem Fäusteballen den Morgen begonnen. Der Dicke neben mir ist hocherfreut, dass sein Kollege wach geworden ist und massiert ihm ungestüm den stoppelhaarigen Schädel.

Der erwachende Chor aus 400 Kehlen begleitet den Flieger in den Beginn des Sinkfluges.

Während sich die Nase der Boeing zu senken beginnt, dämmert einigen Fluggästen, dass sie noch gar keinen Gebrauch vom Duty-Free-Angebot dieser Reise gemacht haben. Die Stewardessen, die sicher auch den Auftrag haben, ihre Gangwägelchen bis zum letzten Parfümflakon leerzuräumen, drehen den konsumseligen Fluggästen auch die letzte Hennessy XO-Flasche an – wie eigentlich alles auf diesem Flug direkt vor meiner Nase.

Major Langnagel hat auf einmal Lust auf eine Uhr bekommen, der Dialog geht folgendermaßen:

„Fräulein, ham Sie noch ’ne Uhr?“

„Welche Marke möchten Sie denn?“

„Egal, Hauptsache teuer.“

„Nun, dann nehmen Sie doch die hier.“

„Wo kommt die her, ist die Marke bekannt?“

„Die kommt aus der Schweiz, Edelstahl, 199 Euro. Eine Wenger, dafür gibt's auch einen Lederbeutel gratis dazu.“

„Geben Sie her!“

Zwei Geschäftsleute haben sich mittlerweile eine nicht brennende Zigarre beachtlicher Länge in den Mund gesteckt und üben schon einmal die entsprechende Posen.

Der Dicke neben mir hat gefrühstückt und will sich unterhalten. Er heiße Lin Xianyu, sei 36 Jahre alt und komme aus Suzhou, mit diesen Worten hält er mir wie zum Beweis seinen chinesischen Pass unter die Nase. Ich gebe ihm dafür eine meiner Visitenkarten mit meinem chinesischen Namen darauf: Ji Shaorong, wörtlich: „wo Musik und Technik zusammenfließen“, ein Name, den ich von meiner taiwanesischen Sprachdozentin aus Heidelberg erhielt, nachdem sie mich als Wissenschaftliche Hilfskraft für die Computer des Sinologischen Seminars kennengelernt hatte und erfuhr, dass ich nebenbei Gitarre spiele.

Nachdem er meinen schwarzen Karton sorgfältig in seinem Ledermäppchen verstaut hat, erzählt Lin Xianyu, dass seine Gruppe – ein Dutzend Unternehmer – gerade von einer Deutschlandtour heimkäme. Fünf Städte in vier Tagen, die Namen habe er vergessen, viel gesehen hätten sie auch nicht, aber dafür gute Geschäfte geschlossen.

Unsere aufkeimende Männerfreundschaft endet mit dem Austausch unserer Mobiltelefonnummern und dem festen Vorsatz, eine Im- und Exportfirma für Suzhouer Flusskrebse zu eröffnen.

Nach einer Nacht Pokern, Schnapsverkauf und vielen Einblicken in den chinesischen Alltag direkt vor meiner Stuhlreihe kann mir meiner Karriere als chinesischer Krabbenhändler nun nichts mehr im Wege stehen.

Als ich meine erste Kostenkalkulation im Kopf durchspiele, bittet uns „Laura“ die Sitze hochzufahren. Wir befinden uns im Anflug auf Shanghai.

Dabei bin ich doch schon seit zehn Stunden in China.

Die Taxifahrer

Unterricht in Mandarin gibt es überall auf der Welt, am besten lernt man die Sprache jedoch in einem chinesischen Taxi.

So wie in New York der Wagenlenker aus Addhis Abbeba oder Neu Delhi die Sprachgebräuche seines Heimatlandes auffahren kann, entsteige ich in China – sofern mein Chauffeur sich verständlich machen kann und reden möchte – dem Auto stets mit einer handvoll neuer Ausdrücke.

Neben der typischen Lektion Drei eines Grundlehrbuches Chinesisch (Wohin, woher, warum?) kann der Fahrgast eine Menge Dinge lernen über: lokale Redewendungen, welche Nation gerade hohes Ansehen unter Chinesen genießt und welche nicht und – vor allem – Schimpfwörter.

Kraftausdrücke, die in ihren Formen und Farben ihresgleichen suchen, und – trotz aller sonstiger regionaler Unterschiede – erstaunlich oft mit den Geschlechtsorganen des weiblichen Elternteils zu tun haben. Doch was hier verdient aufgezeichnet zu werden ist ein lieb gewordenes Spiel, das sich zwischen mir und dem Fahrer nach dem Einsteigen entspannt. Der Dialog geht meist folgendermaßen:

Ich: „Guten Tag! (Ey, ni hao!)“

Fahrer: „Guten Tag (Ey, ni hao!)“

Fahrer: „Wohin? (Shanghai: Dao nali? / Peking: Qu nar?)“

Ich nenne dem Fahrer mein Fahrtziel.

Fahrer: „Ihr Chinesisch ist echt der Hammer! (Ni Zhongwen shuo de tai bang le!)“

Ich: „Da fehlt noch ’ne Menge! (Hai bu xing!)“

Fahrer: „Nein, wirklich! (Zhende!)“

Ich: „ Iwo! (Nali, nali.)“

Fahrer: „Woher kommen Sie ? (Ni shi nage guojia de?)“

Ich: „Ich bin Deutscher. (Wo shi Deguo ren.)“

Fahrer: „Ah, Beckenbauer, Beck's und Benz. (Ah, Beikebao'er, Beike pijiu he Benchi.)”

Ich: „Genau. (Meicuo.)“

Mein Fahrer steigt dann meist für einen Moment auf Englisch um: „Vely guhde!“, hebt seinen Daumen und strahlt mich an: „OK!“

Und ab da entspannt sich je nach Redseligkeit des Fahrers ein mehr oder minder langer Dialog über „die Vorzüge der deutschen Rasse“.

Angesichts der Errungenschaften, die das Volk, dem ich entstamme, mitbringen soll, verstumme ich währenddessen meist, denn zu viel Lob am falschen Platz ist unangenehm. Wir Deutschen seien sehr ernsthafte, verlässliche Geschäftsleute, ohne Umschweife, sehr direkt und gewissenhaft. Unsere Produktqualität sei einzigartig und außerdem hätten wir uns ja für die Fehler im Zweiten Weltkrieg entschuldigt. Nicht so wie die Japaner, die bis heute keinen Anstand hätten und ihre Kriegsschuld standhaft verdrängen würden. Entweder reicht meinem Fahrer dieses Stichwort, um bis zum Fahrtziel über Japaner herzuziehen oder er schwärmt weiter vom ausgezeichneten Ruf alles Deutschen in der Welt.

Dieses Ritual wiederholt sich für mich in allen Taxen zwischen Peking und Kanton. Ob ich in einem Schuhkarton auf Rädern der Marke Xiali („sommerlicher Profit“) durch die Hauptstadt rase oder mich elegant in einem neuen Passat durch Shanghai kutschieren lasse, stets erlebe ich – als Zuschauer und zweite Hauptperson in einem – eine ganz persönliche Theater-Aufführung mit Spannungsbögen („Woher?“ – Spannung – „Ah, Deutschland!“) und Katharsis des Helden, also wilde Flüche des Fahrers auf den Vordermann auf der Straße, was meinen mutigen Lenkradhelden wieder etwas sanfter stimmt und er von seinem soeben lautstark vorgetragenen rhetorischen Feldzug gegen die Japaner ablässt.

Rund 200 Euro im Monat verdienen die meisten der unzähligen Steuermänner und -frauen in den Großstädten Chinas. Das reiche, um über die Runden zu kommen, meint einer, der verstohlen seine Zigarette ausdrückt, als ich bei ihm einsteige. Rauchen ist in chinesischen Taxis generell nicht erlaubt. „Damit kann ich meine Frau und meine Tochter ernähren, aber keinen Urlaub machen, geschweige denn ins Ausland fahren“. Wie viel denn in Deutschland ein Taxifahrer verdiene, will er wissen. Meine Schätzung von rund 1500 Euro beeindruckt den schmächtigen Mann mit den gelben Zähnen sehr. Ich erkläre ihm, wie teuer das Leben in Deutschland ist ihm Vergleich zu den Lebenshaltungskosten in China, der gebürtige Pekinger hat aber nur noch diese Zahl im Kopf, immerhin mehr als sieben Mal so viel, wie er im Monat verdient.

Neben der Ausstattung des Autos – bequeme oder harte Sitze, weiße oder farbige Bezüge, gute oder schlechte Stoßdämpfer – liegen die Unterschiede einer Taxifahrt auch darin, welchen Radiosender mein Fahrer hört. Während in Shanghai oder in Taibei auf Taiwan der jugendlich wirkende Baseballkappenträger die neuesten süßlichen Liebeshymnen aufdreht, begeistert dazu im Sitz vor und zurück wippt und mit leidender Miene den Star begleitet, überrascht mich in Peking ab und an ein Klassikliebhaber mit italienischen Opernarien, die mit der rauchigen Stimme des Fahrers ein beeindruckendes Duett abgeben können.

Viele Fahrer hören regelmäßig den lokalen Verkehrsfunk, der oft von Werbepausen unterbrochen wird. Intonation und Natürlichkeit der Werbesprecherstimmen sind in etwa so künstlich wie die Produkte, die sie anpreisen. Angenehm ruhig sind dagegen die Liebhaber von Hörspielen und Hörbüchern.

Während in Deutschland gerade eine Nostalgiewelle des Radiohörens anbricht, und immer mehr Hörbücher als Konkurrenzgeschenk zum Buch gekauft werden, hat in China das Radio an Popularität gar nicht erst eingebüßt. Trotz übervollem Fernseh- und Internetangebot hört ein Shanghaier durchschnittlich 15 Stunden pro Woche Radio.

Wenn der chinesische Gerd Westphal mit volltönender ruhiger Stimme sein Publikum fesselt, ist schon manche nächtliche Fahrt durch eine schlafende Großstadt zu einem mobilen literarischen Happening geworden. Zu zweit eine Stunde über die Hochstraßen Shanghais zu fegen – bei den Dimensionen der Stadt ist das ohne weiteres möglich – und dabei ein chinesisches Äquivalent zum „König der Vorleser“ im Ohr zu haben, stimmt mich nach einem Tag voller Lärm und Stau wieder versöhnlich.

Am liebsten sind mir die alten Hasen: Taxifahrer mit zehn, sogar zwanzigjähriger Berufserfahrung. In Peking werden die Besten mit einem roten Stern auf dem Autodach ausgezeichnet, für mehr als zehnjähriges unfallfreies Autofahren. In Shanghai werden die Sterne auf den Führerschein gedruckt, der für den Fahrgast auf dem Armaturenbrett nach dem Einsteigen sofort zu sehen ist. Mit einer Ruhe und Gelassenheit fahren sie durch den Straßenverkehr, fahren im dritten Gang an, um Sprit zu sparen, überlassen mehr Autos die Vorfahrt, als eigentlich nötig ist und finden so die Muße, mir während des Gesprächs in die Augen zu sehen. Ob zornig, wenn es um die Japaner geht, ob verschmitzt, wenn ich gerade wieder ein neues Schimpfwort lerne und immer begeistert, wenn ich davon schwärme, warum ich dieses Land so sehr mag.