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Sebastian Herzog wurde am 05.01.1983 in der Nähe von Hannover geboren. Nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Rettungssanitäter zog es ihn im Jahr 2003 erstmals in die Ferne. Als Backpacker, also als Kürbisse pflückender, in Restaurants kellnernder und viel Party machender Halbstarker durchstreifte er für ein Jahr Australien und Neuseeland. Außer Erfahrungen und der Lust am Reisen fand er – wer hätte es zu dieser Zeit gedacht – seine spätere Frau Anke. Nur ein Jahr später packte Sebastian Herzog erneut den Rucksack und reiste zwei Monate durch Indien. Während des Studiums arbeitete er im Jahr 2006 in San Francisco, schrieb seine Diplomarbeit in Delhi und ist seit 2008 in der Strategie-Abteilung der Deutschen Lufthansa tätig. 2010 wurde das Jahr, in dem Sebastian Herzog sich seinen Mut, seinen besten Freund und ein Motorrad schnappte und einen lange gehegten Traum wahr werden ließ: Die beiden durchquerten Afrika von Ost nach West in zwei Monaten. „Auszeit Afrika“ ist sein erster, in Buchform veröffentlichter Reisebericht.

Schon früh fasste Sebastian Herzog seine Gedanken in Worte und schrieb, was ihn bewegte, entweder für sich alleine oder für die ganze Welt lesbar ins digitale „www“ gebloggt. Seine Reiseberichte sind mal nachdenklich stimmend, mal Lachmuskeln erschütternd und mal ergreifend emotional. Doch eines sind sie immer: Schonungslos ehrlich.

Sebastian Herzog

AUSZEIT AFRIKA

Zu zweit mit dem Motorrad von Ost nach West

© 2011 Sebastian Herzog

Autor: Sebastian Herzog

Fotos & Collagen: Sebastian Herzog

Umgebungskarten: Sebastian Herzog

Cover-Gestaltung: Sebastian Herzog

Cover-Elemente von:

Boris Fay (Skizzen)

Lars Lindblad - Fotolia.com (Schreibblock)

javarman - Fotolia.com (Hintergrund)

WoGi - Fotolia.com (Stempel)

Verlag: tredition GmbH

ISBN: 978-3-8424-0157-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

INHALT

Vorwort

Vorwort. Oder besser: Warum und wie dieses Buch entstand. Ich will Erinnerungen konservieren. Ich möchte sie in der Hand halten und mit Abstand betrachten, anstatt nur von meinen eigenen Gedanken zu zehren. Bisherige Reisen sind als Diashow, Internet-Blog oder Backpacker-Movie digital verewigt. Schon lange verfolgt mich die Idee, bei der nächsten großen Reise etwas anderes zu kreieren.

In dem Moment, in dem der Entschluss zu diesem Afrika-Abenteuer gefallen war, nahm ich mir vor, eben dieses in Buchform zu dokumentieren. Entstanden ist eine Mischung aus Tagebuch und Reportage. Es ist ein Bericht aus meinem, aus unserem Alltag im Nichtalltäglichen. Wir, das sind Timo, mein bester Freund, und ich. Angetrieben von Abenteuerlust und Neugierde auf das Fremde durchquerten wir Afrika von Ost nach West.

Es war unsere erste Reise auf dem Motorrad und es war die erste Reise in Afrika. Zusammen fuhren wir über politische Grenzen und erfuhren dabei unsere eigenen. Unvergessen sind all die schönen Momente, die wilden Tiere in freier Natur, die interessanten Personen, die unglaublichen Straßen, die Viktoria Fälle und das Okawango Delta. Jedoch ist auch vieles schiefgelaufen: Totalschaden, sich gegenseitig mit dem Motorrad abschleppen müssen, an Malaria erkranken, in völliger Erschöpfung in der Einöde liegen bleiben, das geplante Reiseziel nicht erreichen, bestohlen werden.

Die folgenden Seiten nehmen den Leser mit auf unseren Weg. Es folgt ein Trip, der mit dem K(r)ampf einer Reiseorganisation beginnt, durch zwei Monate pures Abenteuer führt und mit dem erneuten Eintauchen in die Gesellschaft endet.

Kurz: Dieses Buch ist meine intime Darstellung der Geschichten, Erlebnisse und Gedanken, die im Zusammenhang mit unserem großen Afrika-Abenteuer stehen.

Origin & Destination

Sonntag, 03.01.2010, 7 Monate bis Afrika, Wiesbaden

Grün hinter den Ohren…, ja das bin ich mal wieder. Ich stehe am Anfang einer neuen Idee, Gedanken stränge ohne Vorwissen schwirren im Kopf umher. Neujahr ist zwei Tage vorbei – der Kopf suggeriert, es wäre eher zwei Stunden her. Heute ist Sonntag, ein Tag auf dem Sofa. Mein Rechner, meine Welt. Die letzten 16 Stunden habe ich surfend im Netz verbracht. Dies war mein erstes Mal. Das erste Mal, dass ich mich systematisch mit der Idee Afrika auseinandergesetzt habe.

Vom Grundsatz sind Timo, mein „Best Buddy“ und ich uns schon seit Ewigkeiten einig. Wir wollen wieder zusammen reisen. Wie „damals“, als wir beide zwei Monate eines einjährigen Australienaufenthaltes nutzten, um die Reise unseres Lebens zu unternehmen. Zwei Monate lang fuhren wir die Ostküste Australiens von Cape Tribulation bis Sydney hinab. Zwei Monate pennten wir quasi jede Nacht in unserem Van auf einer alten Matratze. Zwei Monate sahen wir des anderen Fratze zum Frühstück und wussten am Ende, dass wir die Zeit unseres Lebens hatten. Nach zwei Monaten war das Geld verfeiert, versofffen, der Wagen verkauft und jeder ging wieder seinen eigenen Weg (er zur Westküste, ich nach Neuseeland). Daheim in den vier deutschen Wänden schnitten wir einen Film, ein Roadmovie, zusammen. Wir feierten und ließen uns feiern. Schon damals wussten wir, dass wir es wiederholen „müssen“, dass wir dieses gemeinsame Einsame erneut aufleben lassen wollen.

Letztes Jahr, sechs Jahre nach der Australien-Reise, sprachen wir über diese und jene Pläne. Timo steckte mitten im Medizinstudium, ich hatte mein duales BWL-Studium gerade abgeschlossen und erlebte die ersten Tage als Arbeitnehmer in der Strategieabteilung bei der Lufthansa. Schnell begriffen wir, dass es so schnell nichts werden würde mit der nächsten Reise. Längst waren wir tief verwurzelt im Garten der gesellschaftlichen Verpflichtungen. Jahrelange Beziehungen, Studium, Job. Wir hatten all diese Dinge, die einen halten, wo man gerade ist. Doch auch Dinge die einen halten kann man loslassen, ohne sie zu verlieren und so sagten wir uns, „wenn nicht jetzt, wann dann“? Schon komisch einen solchen Satz mit Mitte Zwanzig von sich zu geben. Aber trotzdem ist er wahr. Denn wenn wir es jetzt nicht schafften, dann würden wir heiraten und Kinder bekommen und erst wieder von großen Abenteuern träumen, wenn die Kleinen größer geworden sind.

Gerne zog ich Timo damit auf, dass sein „lebenslang dauerndes“ Medizinstudium dafür verantwortlich sei, dass wir keine großen Reisen planen können. Der Konter folgte prompt: Seiner Meinung nach läge die Schuld fürs Nicht-Reisen-Können bei mir. Ich sei der versnobte BWL´er im Bürokleid, welcher nicht mehr aus dem Hamsterrad herauskommt. Wir stichelten uns und dann sagte Timo den einen Satz: „In 2010 kann ich ca. zwei bis drei Monate vor die Doktorarbeit schieben, dann könnten wir reisen“. Meine Reaktion war kurz und klar: „Kläre, ob es zu 100% möglich ist und dann bespreche ich es mit meinem Chef.“

Über das „Wie“ und „Wohin“ brauchten wir nicht zu reden. Die Kombination aus Motorrad und Afrika schwirrte Timo und mir bereits als vage Vorstellung im Kopf herum, als wir damals durch Australien tobten und uns überlegten, welche Abenteuer uns als Nächstes reizen würden.

Und so kam es, dass ich kurze Zeit nach diesem Gespräch auf der Arbeit ansprach, dass ich gern von selbiger eine Pause hätte. Dies ist kein leichtes Unterfangen, wenn man gerade erst seit Kurzem im Job ist. Jedoch ist es auch kein schwieriges Unterfangen, wenn man verständnisvollen Chefs gegenübersitzt. Wir diskutierten das „Wie“ und mein Chef diktierte das „Wann“ und „Wielange“. Sobald die Projekte für 2010 standen, saßen wir erneut zusammen. Eine lockere, eine freundschaftliche Atmosphäre, eine Wertschätzung die sicherlich nicht selbstverständlich ist und ein Ergebnis, das traumhaft ist: Ich „darf“ vom 01. August 2010 für zwei Monate der Firma den Rücken kehren.

Seit September 2009 wusste ich also, dass Timo und ich eine Auszeit für den Sommer 2010 planen konnten. Ich wusste jedoch auch, dass ich perfektionistisch und monofokussierend veranlagt bin. Für mich stand fest, dass ich mich erst ab 2010 mit unserer Afrika-Reise beschäftigen würde. Alles andere hätte mich in den Wahnsinn geführt. Ein Jahr Vorbereitung wäre ungesund, wenn man wie ich dazu neigt, sich selbst zu stressen. Und weil Perfektionsdrang oft mit Disziplin korreliert, saß ich, kaum dass der Kalender beim Umblättern das Jahr „2010“ zeigte, den gesamten (heutigen) 03. Januar vor meinem Laptop und las, plante und informierte mich:

Afrika ist groß, wohin wollen wir eigentlich? Am liebsten würde ich von hier losfahren. An einem „Tag X“ den Anzug abstreifen und in meine Motorradklamotten steigen. Das Bike satteln und Wiesbaden im Rückspiegel kleiner werden sehen, während Afrika mit jeder Umdrehung der Reifen näher rückt. Zurück auf dem Boden der Tatsachen wird mir schnell klar, dass ich weder Motorrad noch entsprechende Klamotten habe und zwei Monate wohl kaum ausreichen, um von hier nach und durch Afrika zu fahren. Wie wäre es mit der Route „Kairo-Kapstadt“? Im Internet finde ich den Reisebericht von Gerry. Gerry ist erfahrener Biker und hat diese Strecke in stressigen 58 Tagen zurückgelegt. Hhm, wir haben ca. 60 Tage und sind vollkommen unerfahren. Ok, verstanden! Afrika ist nicht nur groß, sondern verdammt groß. Wir könnten also nach Kapstadt fliegen und dann von dort eine Tour durch den Süden Afrikas machen.

Ich benötige zehn Minuten Internetrecherche, um zu erkennen, dass ich sicherlich nicht die asphaltierten Kurven der Garden-Route und Co als Hauptattraktion unserer Reise erleben will. Es soll dirty werden. Also google ich weiter, durchforste Foren und lande irgendwann auf der Homepage eines Arztes, der seit Jahren seine Jahresurlaube auf Motorrädern verbringt. „Possi“ ist nach Nairobi in Kenia geflogen und von dort aus über den Äquator durchs Innere des Kontinents bis nach Kapstadt gefahren. Yep, das ist eine Tour, die ich mir vorstellen könnte. Aber wie startet man eine Tour in Nairobi? Kann man die Bikes einfach so, ohne sie auseinander zu bauen, ins Landesinnere nach Afrika schicken? Ja, man kann. Es gibt spezialisierte Speditionen, ich stoße spontan auf „flybike“ und „bikeworld-travel“. Einen Sonderdeal mit meinem Arbeitgeber Lufthansa kann ich vergessen. Motorräder sind als Gefahrgut eingestuft und daher gibt es beim Versenden keinen Mitarbeiterrabatt. Schade!

Meine heutige E-Mail an Timo wird länger und länger. Haben wir überhaupt dieselben Vorstellungen vom Trip? Wollen wir jeden einzelnen Tag auf unseren Motorrädern sitzen oder immer mal wieder Ruhetage einlegen? Fahren wir eher sechs oder zwölf Stunden am Tag? Ist es für ihn ebenfalls ok, wenn wir so oft wie möglich campen? Ich habe tausende Gedanken, die durch meinen Kopf schwirren. Wie wollen wir uns eigentlich um all die Organisation kümmern? Timo lebt in Hannover, ich wohne 500 km entfernt in Wiesbaden. Wir werden viel telefonieren und uns hoffentlich an ein bis zwei Wochenenden treffen. Und dann nach Afrika aufbrechen…, was für eine seltsame Vorstellung. Ich muss grinsen. Timo hat wenigstens schon ein Motorrad. Er hat sich vor einem Jahr eine alte Honda Transalp gekauft. Seiner Meinung nach kommen nicht so viele verschiedene Bike-Arten für diesen Trip in die engere Wahl.

Ansonsten haben wir quasi nichts. Wir haben keine Ahnung vom Umrüsten oder Warten der Bikes und keine Ahnung von Afrika. Dafür haben wir ab heute sieben Monate Zeit, dieses Wissen zu erlangen. Ein langer Tag ist um und während diese Zeilen entstehen, ist es bereits weit nach Mitternacht. Ich schreibe diese Zeilen gerne und nehme mir vor, unser wildes Abenteuer in all seinen Planungs- und Durchführungsfacetten zu dokumentieren und hoffe, dass die Energie, die mich beim Gedanken an das Bevorstehende durchfließt, nicht die geringste Spur abnimmt.

Irgendwie fängt es an

Montag, 01.02.2010, 6 Monate bis Afrika, Wiesbaden

Den letzten Monat haben Timo und ich uns diverse E-Mails hin- und hergeschrieben und uns vorerst auf die Route „Kenia-Kapstadt“ geeinigt. Nach diesen digitalen Erlebnissen durfte ich neulich das erste Mal ganz konkret spüren, dass wir verreisen werden. Beim medizinischen Dienst der Lufthansa habe ich die erste Tollwut-Impfung in den Arm gejagt bekommen. Auf dem Programm stehen noch Impfungen gegen Hepatitis, Meningitis, Typhus, Tetanus, Diphterie, Polio, Keuchhusten und Gelbfieber. Alleine fürs Impfen werde ich mehr als 250€ ausgeben müssen. Dazu kommen noch die Kosten für Anti-Malaria-Medikamente. Mit der Ärztin diskutierte ich lange über die Vor- und Nachteile von Malaria-Prophylaxen. Nach 30 Minuten hielt ich ihre Visitenkarte in den Händen und fragte mich, ob ich wirklich weiß, was wir tun.

Als ich Timo von meinem Gespräch mit der Ärztin berichte, druckst er etwas verlegen rum. In der Uni stand gerade Mikrobiologie auf dem Lehplan und in den Risikolandkarten war Afrika stets rot eingefärbt. Er fasste es mit folgenden Worten für mich als Laien zusammen: „Was auch immer es für Viren, Bakterien und Parasiten auf der Welt gibt, in Afrika sind sie fast alle zu finden“.

Naja, wir beruhigen uns damit, dass wir wenigstens im akuten Notfall auf uns selbst vertrauen können. Ich bin seit dem Zivildienst ausgebildeter Rettungssanitäter. Timo hat noch zwei Jahre drauf gelegt, die Ausbildung zum Rettungsassistenten abgeschlossen und ist im Gegensatz zu mir weiterhin regelmäßig im Rettungsdienst unterwegs.

Die meiste Zeit unserer Planungen verwenden wir gerade darauf, einen Überblick über die Bikes und notwendige Umbaumaßnahmen zu gewinnen. Ich lese von Dingen wie Motorschutz, Sturzbügel, Lenkererhöhung, Gepäckbrücken und Koffersystemen, Stollenreifen, Bordstromversorgung, progressiven Kabelfedern, Scottoiler, Seitenständerverbreiterung und Luftfilteransaugstutzenverlängerung. Oh Mann, ich habe von diesen Dingen überhaupt keinen Plan und meine Motivation, mich mit den Details zu beschäftigen, hält sich auch gerade in Grenzen. Also begebe ich mich auf die Suche nach einem passenden Navigationssystem. Wie so oft ,will man, oder in diesem Fall ich, die eierlegende Wollmilchsau.

Liebe Wunschfee, ich wünsche mir ein wassergeschütztes, mit Batterie- und Bordstromversorgung laufendes, Vektor- und Rasterkarten lesendes, auf Motorrädern wie Mountainbikes einsetzbares Navi mit entsprechender Software. Leider gibt es keine Wunschfee und diese Suche verläuft vorerst im Sand. Egal, noch ist kein Zeitdruck und ich habe ja auch noch nicht mal ein Motorrad. Ich bin kein Biker aus Leidenschaft, für mich stellt das Motorrad ein Mittel zum Zweck dar. Hauptsache, ich finde ein Bike, das die Afrikareise übersteht. Danach kann die Maschine meinetwegen auseinanderfallen, „i could not care less“.

Letzte Woche kam mal wieder der Postbote mit einem Amazonpaket vorbei. Ich habe mir inzwischen so ziemlich jedes Buch zum Thema „Motorradfahren in Afrika“ bestellt. „Von Köln nach Kapstadt“, „Mit dem Motorrad in die Sahara“, „Abenteuer Afrika: Mit dem Motorrad nach Kapstadt“, „Motorradtraum Afrika. 30.000 km Abenteuer von Kairo bis Kapstadt“. Die meisten Bücher sind spannend geschrieben und fixen mich an. Das Erlebte der anderen ist eine Bestätigung dessen, was ich mir auf dieser Reise erhoffe. Es ist so seltsam, dass all die Bücher mehr oder weniger mit Tag 1 in Afrika beginnen. Ich hingegen habe das Gefühl, dass bereits die Vorbereitung einer solchen Reise ein Teil des Ganzen ist. Vielleicht rührt auch daher der Drang meine Gedanken bereits jetzt niederzuschreiben.

Tabellenblätter – oder der, der den Plan plant

Montag, 01.03.2010, 5 Monate bis Afrika, Wiesbaden

Es ist März, der Schnee wird weniger. Jeden der vergangenen Sonntage war ich in Afrika. Also zumin dest gefühlt. Die DVD „Long way down“ hat mich jeden Sonntagvormittag beim ausgedehnten Frühstück mit meiner Freundin gefesselt. Ewan Mc Gregor und Charlie Borman haben den Weg von Schottland bis nach Kapstadt in ca. 10 Wochen zurückgelegt. Begleitet wurden der Hollywoodstar und der Ralley-Dakar-Fahrer von einer Filmcrew. Auch wenn deren Budget, Planung und Umsetzung weit über unsere Verhältnisse hinausgeht, ist diese DVD dennoch der realistischste Eindruck vom unbekannten Mysterium Afrika. Was auch immer den beiden unterwegs passiert, eine von den vielen Kameras hält drauf: Wir sehen zermürbende und zeitraubende Grenzübertritte. Wir sehen gestresste Fahrer, die bis zu elf Stunden am Tag auf ihren Maschinen sitzen, um diese Mördertour in solch kurzer Zeit zu schaffen. Wir sehen stürzende Fahrer, die einfach keinen Bock mehr auf Sand- und Schotterpisten haben und ich bekomme einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns eventuell erwarten wird.

Den Satz „Na, machst du wieder eine Tabelle für Afrika“ höre ich inzwischen regelmäßig von meiner Freundin, wenn ich vorm Laptop sitze und in die Tasten tippe. Und in der Tat, ich neige dazu, all meine Gedanken, Planungen etc. in unzähligen Tabellen ausufernder Excelblätter zu strukturieren. Es gibt Tabellen über den nächsten anstehenden Urlaub (in diesem Fall Kuba), Tabellenblätter über meine Versicherungen und Altersvorsorge, Tabellenblätter über meinen Lebenslauf, Tabellenblätter über meine diversen Börseninvestments, Tabellenblätter mit Startup-Ideen falls ich mal dem geordneten Leben des Arbeitnehmers entfliehen will und es gibt natürlich Afrika-Tabellen über Motorradeigenschaften, über Reiserouten, über Länderinfos, über Impfungen, Packlisten, etc.

Unsere „Einkaufs- und 2do-Liste“ umfasst inzwischen über 200 Dinge, die wir besorgen müssen. Angefangen bei „A“ wie ADAC-Migliedschaft oder Auslandskrankenversicherung bis „Z“ wie Zündkerzenschlüssel oder Zulassungsschein. Es gilt günstige Artikel wie Kabelbinder zu besorgen und auch große Investitionen wie neue Federbeine müssen gestemmt werden. Notwendige Werkzeugsätze werden aufgezählt und reichen von Imbus über Montiereisen bis hin zu Speichenschlüsseln. Außerdem diskutieren wir über notwendige Ersatzteile wie neue Speichen, Benzinschläuche und Kupplungszüge, Öl- und Luftfilter oder z.B. Kettenschlösser und –sätze.

Es ist die Hölle. Jeder Bericht im Internet lässt die Liste wachsen. Es gab mal jemanden, dem ist die Kette unterwegs gerissen. Also brauchen wir auch eine Ersatzkette. Ich habe mal von jemandem gelesen, der ohne neue Speichen nicht hätte weiterfahren können. Also brauchen wir auch einen Satz Speichen. So ergeht uns das mit jedem einzelnen Artikel. Kaum, dass wir uns entschließen „Teil A“ oder „Teil B“ zu kaufen, finden wir eine Kundenrezension im Internet, die besagt, dass man auf keinen Fall die Ware von „Firma X“, sondern lieber von „Firma Y“ kaufen sollte. All diese Dinge versuche ich irgendwie in meiner Datei unterzubringen. Ob ich an akutem Strukturierungszwang leide? Naja, zumindest an chronischem Strukturierungshang.

Countdown beginnt

Donnerstag, 01.04.2010, 4 Monate bis Afrika, Wiesbaden

Noch immer ist kein Motorrad in Sicht. Eigentlich gibt es nichts Neues zu berichten. Die Hälfte des Monats war ich im Urlaub. Fidel Castros Imperium wurde mit einem Mietwagen erfahren. Ein faszinierendes Land dieses Kuba. Noch immer schmecke ich den Mojito, spüre die wärmenden Sonnenstrahlen, erinnere mich an die lachende Herzlichkeit und schaue auf die mitgebrachte Zigarre neben mir…

Letzte Woche hatten Timo und ich die Chance uns zu sehen. Ich war auf dem Rückweg aus St. Peter-Ording und wir beide haben uns kurz am Flughafen in Hannover getroffen. Der „Sack“ kam mit seiner Transalp angefahren und ich konnte trotz des Regens und der nicht vorhandenen Motorrad-Klamotten nicht widerstehen: Es folgte eine große Runde um den kleinen Flughafen. Mit einem riesigen Grinsen stieg ich von der Maschine ab. Ich will auch! Auch wenn die Reise nach Afrika schon seit langem feststeht, so scheint der Countdown erst jetzt anzulaufen. Es steht kein weiterer Urlaub vorher an, es gibt aufgrund des wärmeren Wetters keine Entschuldigung dafür, immer noch kein Motorrad für diese Reise zu besitzen und es sind auf den Tag genau nur noch vier Monate Zeit. So langsam sollten meinen digitalen Planungen auch analoge Taten folgen.

600, 1993, 41.300, 1.300

Samstag, 01.05.2010, 3 Monate bis Afrika, Wiesbaden

Die vergangenen Wochen waren geprägt von Timos E-Mails. Während ich im Büro sitze und über ir gendwelchen Strategiepapieren des Luftverkehrs brüte, erhalte ich E-Mails von ihm. E-Mails mit Fotos von seinem neuen Helm, Fotos von seinen neuen Crosstiefeln. Fotos als Puzzleteile einer Reiseplanung. Fotos als Beweis dafür, dass es konkreter wird. Und heute konnte ich zurückfotografieren:

Letzten Monat habe ich mich noch beschwert, dass ich so langsam aber sicher ein Motorrad brauche. Heute kann ich verkünden, dass genau ein solches vor der Tür steht: Honda XLV 600, Erstzulassung 1993, 41.300km gelaufen, 1.300€ bezahlt. Ein guter Deal. Das „Baby“ wurde vom dritten seiner vier Vorbesitzer umlackiert und erstrahlt in seltsam anmutenden Blautönen. Bei Lack oder Grundierung wurde gefuscht – Letzteres blättert an einigen Stellen bereits ab. Fest steht, Schönheitspreise gewinnt man damit nicht. Aber vielleicht Tauglichkeitspreise. Denn von den zahlreichen Umbaumaßnahmen, die ich an meiner „Afrika-Transalp“ vornehmen will, sind einige bereits durch den letzten Besitzer durchgeführt worden. Die Maschine verfügt bereits über Sturzbügel, Motorschutz, Crosslenker, progressive Gabelfedern, Touren-Windschutz und Cross-Kotflügel. Diese Vorteile wiegen natürlich auf, dass es sich nicht um eine scheckheftgepflegte Garagenmaschine ohne Regenkontakt handelt. Nein, sie wurde in Spanien auf leichtem Schotter eingeritten und wird von mir den Offroad-Ritterschlag auf afrikanischen Pisten erhalten. Doch bis dahin heißt es: PIMP MY BIKE. Die 1.300€, die ich mit der linken Hand gerade für das Motorrad ausgegeben habe, werde ich mit der rechten Hand gerade nochmals ausgegeben: 800€ für ein Koffersystem der Marke Touratech sowie 500€ für ein Motorrad-Navi von Garmin. Beides hätte ich ca. 1/3 günstiger bekommen können – beide Male siegte jedoch Funktionsverliebtheit vor Sparsamkeit.

Die Koffer sind das „A und O“ des Motorrads auf einer Reise. Sie sind der Kofferraum. Ohne sie gibt es keine Weiterfahrt, denn ohne sie gibt es kein Gepäck, keine Ersatzteile, keine Klamotten, kein Nix. Und wenn ich stürze, bzw. im Sand einfach wie eine Bahnschranke umfalle, dann müssen die Koffer halten, den Rahmen nicht verbiegen und auch sonst für keine weiteren Probleme sorgen. Naja und das Navi: Ich habe, wie im Februar bereits geschrieben, die eierlegende Wollmilchsau gesucht und Dank Garmin auch im Zumo 550 gefunden: Es ist wasserdicht, verfügt über ein großes, mit Handschuhen bedienbares Display und gilt als „das“ Navi für Offroad Motorradtouren.

Juhu, ein Motorrad steht vor meiner Tür!

Die Auf- und Umrüstung kann endlich konkret werden!

Money, Money, Money

Dienstag, 01.06.2010, 2 Monate bis Afrika, Wiesbaden

It´s a rich mens world – gefühlt kurbeln wir gerade die Motorradausstatterindustrie (sofern sie sich so nennt) mit einem „Basti&Timo Konjunkturpaket“ an. Den gesamten Mai telefonieren wir beide im 2-Tages-Takt und erzählen uns abends, was wir denn noch so alles für diese Reise bräuchten. Bahn- und Busfahrten werden genutzt, um in die Tiefen der aktuellen Kataloge von Louis, Därr, Lauch&Masse, etc. abzudriften und natürlich gibt es weitere Excel-Listen, um unseren Einkaufswahn zu strukturieren. Nein, wir sind nicht naiv an diese Planung herangegangen und ja, wir wussten, dass uns die Ausrüstung viel Geld kosten wird. Jedoch ist die Summe aller Einzelteile erschreckend größer als die vielen kleinen Einzelpreise.

Was wir denn so alles brauchen? Nun, zusätzlich zu der bereits erwähnten Motorradumrüstung will auch die Motorradausrüstung geklärt sein. Welche Verschleißteile werden vor der Reise ersetzt, müssen alle Filter neu sein, was sind die Unterschiede bei Batterien, welchen Einfluss hat der Zündkerzenzustand, mit welchen Reifen gehen wir on tour? Welche Ersatzteile sollen uns auf der Reise begleiten, schleppen wir eine Ersatzkette, Lager, Speichen, Hebel, Züge und Schläuche mit? Wie umfangreich muss eigentlich unser Werkzeug sein und wo verstauen wir das alles? Benötigen wir beide eine Gepäckrolle und einen Tankrucksack zusätzlich? Wo befestigen wir unsere Kanister für Öl, Benzin und Wasser? Wie viel von allem braucht man eigentlich so in der Wüste? Und wie bereitet man das Wasser auf? Genügen Chlor-Tabletten oder sollte es ein Kohle-Filter sein? Und wo wir gerade beim Trinken sind, was essen wir eigentlich? Nehmen wir Tütengerichte und Snacks als Pausenfüller und Notproviant mit? Und sollten wir einen Kocher benötigen, darf man diesen im Flugzeug transportieren? Apropos Transport, wir haben immer noch nicht final geklärt, mit welcher Spedition wir die Motorräder nach Afrika schippen. Zum Thema Einfuhr: Welche Dokumente benötigen wir noch, um uns und die Bikes über die verschiedenen Grenzen zu bewegen? Thema bewegen: Bewegen wir uns in „normaler“ Motorradkleidung bei „unnormalen“ Temperaturen durch Afrika? Was für Stiefel, Helme und Jacken sind empfehlenswert? Und wenn wir gerade mal nicht fahren, was benötigen wir zum campieren? Ein Zelt gemeinsam, um Platz zu sparen oder zwei leichte High-Tech Iglus? Und wenn wir nicht campieren, sondern liegen: Haben wir benötigtes „Werkzeug“, um uns oder die Motorräder zu versorgen? Jede Frage bringt uns an eine Kreuzung, jede Antwort ist ein Weg zur nächsten Kreuzung. Wir malen Gedanken aus, verbinden Gedankenstränge, strengen uns an, all das Notwendige zu erfassen und fassen uns oftmals über die entstandene Komplexität an den Kopf.

Vor ca. zwei Wochen hat das „erste Mal“ zwischen mir und meiner Maschine stattgefunden. Nein, „sie“ hat zwar noch keinen Namen, aber je mehr ich für sie kaufe, je intensiver ich mich mit „ihr“ beschäftige, umso größer scheint meine emotionale Bindung zu werden. Große Pakete von Louis, ebay und Touratech stapelten sich im Hausflur und ich machte mich daran, das Kofferträgersystem anzubauen. Wir entblößten uns voreinander im Hinterhof. Ich zog sie aus und montierte ihr die Verkleidung ab. Meine Transalp stand das erste Mal in ihrem Motorradleben nackt vor mir. Ein nahezu spiritueller Moment entstand. Nicht, dass ich mich vor lauter spiritueller Hingezogenheit auch gleich ausgezogen hätte. Nein, meine Entblößung war eher inhaltlicher Natur. Wie beim ersten Mal nicht unüblich, war ich etwas unbeholfen mit dem Werkzeug, wusste nicht genau, wo ich wann anfassen sollte und stellte mich ziemlich ungeschickt an. Der Tag endete auch noch in einem absoluten Desaster, da das Touratech System anscheinend nur an die Transalp der Baujahre ab ´96 passt. Meine Transalp hingegen ist ´94er Baujahr. Gefrustet baute ich also wieder alles ab, setzte mich mit Touratech in Verbindung und weiß bis heute immer noch nicht, wie ich das Problem lösen soll.

Zum ersten Mal kommt Stress und Unruhe in mir auf. Es sind noch zwei Monate bis zum Aufbruch nach Afrika –eigentlich genug Zeit. Da ich jedoch unter der Woche nahezu keine Zeit habe, um mich um die notwendigen Dinge zu kümmern, sind es „nur noch acht Wochenenden“. Ich spüre, dass ich den Tag brauche, an dem ich weiß, dass alle notwendigen Dinge bestellt und die Motorräder reisefertig sind. Sich um Land und Leute, um die bevorstehende Reiseroute, etc zu kümmern – das steht ganz hinten an und wird notfalls vor Ort gemacht. Unser Weg ist das Ziel „and i wanna be ready to fly“.

Schrauben schrauben und Mc Gyver himself

Donnerstag, 01.07.2010, 1 Monat bis Afrika, Wiesbaden

Der zurückliegende Juni war ein turbulenter Monat. Nicht nur weil die WM zusätzlich Zeit und Auf merksamkeit gestohlen hat, bzw. immer noch stiehlt (England haben wir vor vier Tagen mit 4:1 weggeputzt), sondern vor allem, weil wir etliche Entscheidungen zum Aufund Umrüsten treffen mussten.