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Dana Müller

ALICETOWN - Koma

Mystery-Serie Band 2


Mitglied des Berliner Autorenzirkels - Wortschatz, der Wert legt auf qualitativ hochwertige Geschichten. Die Geschichte beruht auf der Fantasie der Autorin. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und in keinster Weise beabsichtigt. Jegliche Vervielfältigung ist streng verboten.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Alicetown 2

Band 2

 

Koma

 

 

 

 

 

 

Beobachtung


Eigentlich wollte sich Hannah aus den Angelegenheiten anderer heraushalten. Aber wenn sich etwas direkt vor der Nase abspielte, konnte sie einfach nicht wegsehen.

Ihr Dad hatte eine kleine Minigolfanlage geplant und baute gerade an dem Grundgerüst im Garten, als Hannah auffiel, dass die Nachbarin hinter der Central-Road schluchzend den Müll hinausbrachte. Das kleine gelbe Haus war vom Garten der Goodmans aus gut einzusehen, zumindest der vordere Bereich.

Dort wohnte Marge Hanson mit ihrer Tochter Vanessa. Hannah machte einen Bogen um das Mädchen. Vanessa war zwei Jahre älter als sie und mit Vorliebe ziemlich gehässig. Zu jeder Gelegenheit hatte sie einen Spruch parat. Dabei war es ihr egal, ob sie damit jemanden verletzte. Solange sie über ihre eigenen Witze lachen konnte, war die Welt für sie in Ordnung.

Hannah fragte sich, ob Vanessa ihre Mutter derart verletzt hatte, dass sie so weinte.

»Hannah, sei doch so lieb und hol mir mal den kleinen Hammer. Mit dem großen Teil komme ich hier nicht weiter«, sagte ihr Vater.

»Klar Dad, gleich. Hast du eine Ahnung, was mit Mrs Hanson los ist?«, fragte sie und starrte noch immer über die Straße.

Er stützte die Hände in die Hüfte und sah zum gelben Haus hinüber. Mrs Hanson war gerade dabei, die Haustür abzuschließen. Sie war mit ihrem marineblauen Kostüm und dem weißen Halstuch ziemlich schick gekleidet, was nicht zu ihrem derzeitigen seelischen Zustand passte, wie Hannah fand.

»Die arme Mrs Hanson«, sagte er und schüttelte den Kopf voller Mitleid. »Ihre Tochter liegt im Krankenhaus.«

»Vanessa ist im Krankenhaus? Warum, was ist denn passiert?«

Er schluckte und fuhr sich über den Bart, dann kratzte er sich am Kopf. »So genau weiß ich das auch nicht. Ich habe gehört, dass sie am Donnerstagabend nach Hause kam, wortlos an ihrer Mutter vorbeiging und sich auf ihr Bett setzte. Mrs Hanson dachte, sie hätte schlechte Laune und beließ es wohl bei diesem einen Versuch, sie an dem Abend anzusprechen. Angeblich blieb sie die ganze Nacht so sitzen. Sie war überhaupt nicht bei sich. Die arme Frau hat alles versucht, sie am nächsten Morgen aus diesem Zustand zu holen. Als du gestern in der Schule warst, hat sie schließlich die Polizei angerufen.«

»Krass, woher weißt du das alles?«

»Mrs Brown, du weißt schon, die von der Burger-Bude. Sie meinte, dass Vanessas Mutter davon ausgehe, dass Vanessa Drogen genommen hätte. Das Mädchen saß in ihren Fäkalien, als es abgeholt wurde.«

»Wie abgeholt? Von wem denn?«

»Die Polizei holte den Krankenwagen dazu und sie wurde abtransportiert. Mehr weiß ich auch nicht.

»Das ist echt krass«, erwiderte Hanna. Sie war in solchen Dingen nicht sonderlich bewandert, fragte sich dennoch, ob Drogen so etwas anrichten konnten. Alleine die Vorstellung, in den eigenen Fäkalien zu sitzen, ließ sie erschaudern. Das musste furchtbar gestunken haben und es konnte kein schöner Anblick gewesen sein. Und das gerade bei der – ach so peniblen – Vanessa. Vielleicht war es ja das Karma, das hier zugeschlagen hatte.

»Der Hammer?«, drängte ihr Vater.

Ohne ihn anzusehen, fragte sie: »Wo finde ich den?«, und beobachtete Mrs Hanson dabei, wie diese in ihren Wagen stieg, sich im Rückspiegel betrachtete und offenbar Tränen mit einem Taschentuch abtupfte.

Dann fuhr die Frau weg. Hannah machte sich auf den Weg ins Haus, aber ihr wollte einfach nicht aus dem Kopf gehen, was mit Vanessa geschehen war. Das Mädchen war immer eine Art rebellische Prinzessin gewesen. Nun lag sie im Krankenhaus und wahrscheinlich sogar in der psychiatrischen Abteilung.

Allen hatte sein Werkzeug auf dem Küchentisch ausgebreitet, was Hannah die Suche erleichterte. Der kleine Hammer lag gleich neben dem Schraubenkasten. Sie griff danach und eilte mit dem Fund hinaus zu ihrem Vater. Dieser studierte gerade den Bauplan, den er selbst angefertigt hatte, und fuhr sich gedankenverloren über den Bart.

»Hey, schwer am Arbeiten?«, ertönte Joes Stimme. »Was ist los, ihr guckt so komisch.«

Allen blickte kurz auf und kratzte sich am Kopf. »Hallo Junge«, sagte er und vertiefte sich wieder in seine Pläne für den Minigolfplatz.

Hannah hingegen war gesprächiger. Sie nahm Joe zur Seite und fragte ihn direkt nach den Hansons. »Vanessa kennst du, oder?«

Er nickte. »Die lebt doch mit ihrer Mutter in dem gelben Haus da«, meinte er sofort.

»Genau. Und weißt du auch, was passiert ist?« Hannah legte eine kurze Pause ein, gab ihm so Gelegenheit sich dazu zu äußern, aber er schwieg und wartete offensichtlich darauf, dass sie ihn aufklärte. Also fuhr sie fort. »Vanessa liegt im Krankenhaus.«

»Und warum?«, wollte er wissen.

»Tja, so genau sind meine Informationen jetzt nicht. Aber sie stand irgendwie total neben sich. Ganz so als hätte sie einen Schock erlitten. Vielleicht ist sie auch besessen. Sie hat sich auf ihr Bett gesetzt und ist dortgeblieben. Selbst, als sie auf Toilette musste, ist sie nicht weggegangen. Du kannst dir ja also vorstellen …«, sie wurde von Joe erst mit einer abwehrenden Geste, dann verbal unterbrochen.

»Igitt! Das ist ja widerlich. Es reicht, ich will nichts weiter hören«, sagte er und hinterfragte nach einigen Sekunden doch. »Die hat sich doch nicht in die Hose gemacht.«

»Doch. Und das Schlimme ist, sie saß die ganze Nacht da, und als ihre Mutter kam, war sie nicht ansprechbar. Joe, ich will ja nicht voreilige Schlüsse daraus ziehen, aber das klingt doch nach einem Fall für uns, oder?«

»Nee! Jetzt mach mal halblang. Ich habe mich von dem letzten Ding noch nicht erholt und du witterst schon wieder den nächsten Fall? Falls du dich dran erinnerst, hat man dich beinahe in einen Baum verwandelt und mich totgeschlagen. Sei mir nicht böse, aber ich habe keinen Bock darauf, mich mit irgendwelchen Dämonen oder Geistern oder sonst irgendwas rumzuplagen. Ich brauch mal ’ne Pause.«

»Ja, verstehe ich ja«, Hannah tat zumindest so, als hätte sie Verständnis für seine Lage. Dennoch ging ihr die Sache ziemlich nah. Sie konnte doch nicht einfach die Augen davor verschließen und so tun, als hätte sie nichts mitbekommen, wo doch die Situation nach ihrer Hilfe schrie. Trotzdem musste sie Joe erst mal besänftigen, er würde noch zu sich kommen und ihr zur Seite stehen, wenn es darauf ankäme. Das wusste sie ganz genau, auf ihn konnte sie zählen.

»Na los, lass uns ein Eis essen gehen«, schlug sie vor.

»Eisessen? Und du bist dir sicher, dass du nicht versuchen willst, mich einfach zu überreden?«

Mist, dachte Hannah. Er war einfach zu ausgebufft. Trotzdem war sie sich sicher, dass er irgendwann anbeißen würde. Sie musste es nur richtig anstellen.

 
Seit ein Fluch ausgerechnet hier ihr Geschmacksempfinden gestört hatte, fühlte sie sich im Eiscafé unwohl. Außerdem wurde sie von der Besitzerin und ihrer Angestellten seit damals mit Argusaugen beobachtet. Eigentlich konnte sie froh sein, kein Hausverbot bekommen zu haben. Es war Emelys Engelszungen zu verdanken, dass Hannah dieses Eiscafé überhaupt noch betreten durfte. Allerdings wurde sie besonders von der Besitzerin mit Blicken angegiftet.

»Okay«, sagte Joe. »Ich nehme den Zauberkessel mit Sahne und Streuseln und du?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Hannah und studierte die Eiskarte. »Ich glaube«, fuhr sie fort und tippelte nervös mit dem Zeigefinger auf ihrer Nasenspitze herum. »Ich nehme den großen Eiskaffee«, entschied sie sich schließlich und legte die Karte beiseite.

In diesem Café war das ein Zeichen dafür, dass der Kunde gewählt hatte und die Kellnerin die Bestellung aufnehmen konnte. Doch diese machte gar keine Anstalten, an ihren Tisch zu kommen.

»Boah«, entfuhr es Hannah. »Die ist bestimmt immer noch wegen meines Ausfalls sauer. Dabei kann ich doch nichts dafür.«

»Ja, siehste! Der Scheißokkultismus bringt immer nur Ärger. Du und deine Geister, du und deine …, Mann.« Joe machte sich Luft, was Hannah in ihrem Stuhl versinken ließ.

Er hatte ja nicht ganz unrecht, aber es war nun mal ihre Berufung, und eine Berufung ist wie ein Beruf, und jeder Beruf bringt nun mal auch Schattenseiten mit sich. Dass sie in Gefahr gerieten oder in seltsame Situationen, die für andere verrückt wirkten, gehörte nun einmal dazu.

»Du hast ja recht. Trotzdem! Wir haben Evangeline geholfen, das darfst du nicht vergessen. Ihre Seele hat Frieden gefunden und Nancy hat ihre Strafe bekommen. Empfindest du gar keinen Stolz, dass wir das waren?« Hannah sah Joe an.

Dieser vermied jegliche Regung im Gesicht. Seine Mimik wirkte genauso versteift, wie seine Einstellung zudem Thema, mit dem er sogar aufgewachsen war. Emely, seine Mutter, hatte nach eigenen Aussagen im frühen Kindesalter versucht, ihn aus ihrer eigenen Berufung herauszuhalten. Doch als kleiner Steppke ließ sich Joe wohl nicht davon abhalten, Wahrsager zu spielen. So versteckte er sich in ihrem Arbeitszimmer und bestaunte all die Sachen, die seine Mutter mit den Jahren angesammelt hatte.

»Ich verstehe gar nicht, warum du so dagegen bist«, warf Hannah hinterher.

»Verdammt Hannah, ich brauche den Scheiß nicht. Ich habe es dir vorhin schon erklärt: Ich wäre fast draufgegangen und du genauso.«

»Ja«, antwortete sie, senkte den Blick schuldbewusst und hob ihn sofort wieder. »Sind wir aber nicht.«

Joe stand auf, stemmte die Hände auf den Tisch und sah Hannah vernichtend an.

Sie schaute verstohlen zu den Frauen. Diese Aktion war nicht unbemerkt geblieben, denn das Personal beobachtete die beiden und tuschelte miteinander.

»Joe«, flüsterte sie. »Setz dich bitte wieder hin.« Hannah legte so viel Nachdruck in ihre Stimme, wie sie im Flüsterton aufbringen konnte.

»Warum respektierst du nicht einfach, dass ich da nicht mehr mitmachen will?«, regte er sich auf.

Vorsichtig berührte sie seine Hand. Er zog sie nicht zurück, was Hannah als Hoffnungsschimmer wertete.

Das wird ein harter Brocken, dachte sie und lächelte ihn entschuldigend an. »Ich wusste nicht, wie ernst es dir damit ist.«

»Todernst«, erwiderte er mit versteinerter Miene.

»Okay, dann lass uns was anderes zusammen machen.«

Er betrachtete sie mit einem Blick, der Hannah sagte, dass Joe nicht so recht an den Frieden glaubte. Dennoch setzte er sich langsam wieder auf seinen Stuhl und winkte die Kellnerin herbei.

Diese verdrehte die Augen, zückte ihren Notizblock und zog den kurz angespitzten Bleistift aus dessen Versteck hinter dem Ohr hervor.

»Was kann ich euch bringen?«, fragte sie und klang dabei sehr lustlos.

»Einen Eiskaffee für meine Freundin und einen Zauberkessel für mich, den bitte mit Streuseln und Sahne, danke«, bestellte Joe und wandte sich Hannah zu: »Sag mal, dieses Schulprojekt. Welchen Beruf willst du denn durchleuchten?«

»War’s das«, wollte die Kellnerin wissen und hörte sich an wie eine rostige Säge.

Joe antwortete nicht mit Worten, dafür schenkte er ihr einen Blick, der dazu in der Lage war, sie unangespitzt in den Boden zu rammen.

Hannah überlegte kurz, bevor sie antwortete. Sie witterte die Gelegenheit, Joe doch noch ins Krankenhaus zu bekommen. Sie wollte unbedingt einen kurzen Blick auf das Mädchen werfen. Was, außer Joes Sturheit, sprach dagegen? Nur, wie sollte sie ihn überzeugen, ohne gleich aufzufliegen?

»Also, ich dachte, wir statten mal dem Tattoo-Studio ein Besuch ab«, schlug er vor.

Hannah schüttelte vehement den Kopf. Entgeistert fragte sie ihn: »Du willst dem Tätowiererberuf auf den Grund gehen? Ich glaube, du hast vergessen, dass wir soziale Berufe unter die Lupe nehmen sollen.«

Er zuckte die Schultern. »Was denn? Tätowierer sind total sozial.«

»Du spinnst ja«, erwiderte Hanna. »Soziale Berufe sind so was wie Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, Kindergärtner …, soll ich noch mehr aufzählen?«

Er kratzte sich am Kopf und senkte den Blick. Just in dem Moment, als er dazu ansetzte, etwas zu sagen, erschien die Kellnerin mit ihrer Bestellung.

»So, bitte sehr die Herrschaften. Einen Zauberkessel für den Herrn und einen Eiskaffee für die Dame. Soll ich einen Spucknapf bringen?« Der Sarkasmus in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Hannah schüttelte den Kopf und verdrehte demonstrativ die Augen. Hätte es ein zweites Eiscafé in Alicetown gegeben, dann wäre sie hier nie wieder aufgetaucht. Aber in so einem winzigen Ort gab es keine Konkurrenz.

»Hey, das ist nicht witzig«, verteidigte Joe seine Freundin und die Kellnerin zog ab. Ohne ein weiteres Wort, dafür mit einer gehörigen Portion Genugtuung im Gesicht. Er kostete von seinem Eisbecher, schloss die Augen und Zufriedenheit legte sich auf seine Miene.

»Zurück zu unserem Projekt«, unterbrach sie ihn. »Was ist dir lieber? Arzt, Kindergärtner oder Altenpfleger?«

»Such dir was aus«, antwortete er. »Mir ist das total egal.«