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Henry H. Neff


Schule der Magier

Das geheime Portal

Band 1



Aus dem Amerikanischen
von Michaela Link

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Inhaltsverzeichnis

Über den Autor
Copyright
KAPITEL 1 - Der Junge, der Zug und der Wandteppich
KAPITEL 2 - Als es dreimal leise klopfte…
KAPITEL 3 - Zeit der Entscheidung
KAPITEL 4 - Der Flug nach Rowan
KAPITEL 5 - Das Böse – einst und heute
KAPITEL 6 - Das letzte Lymrill
KAPITEL 7 - Ein volles Haus
KAPITEL 8 - Neues und Merkwürdiges
KAPITEL 9 - Ein goldener Apfel im Obstgarten
KAPITEL 10 - Der Simulator
KAPITEL 11 - Halloween
KAPITEL 12 - Geheime Gefängnisse
KAPITEL 13 - Flunkereien und eine Geige
KAPITEL 14 - Begegnung mit den Vyes
KAPITEL 15 - Überraschende Gäste
KAPITEL 16 - Rowans neuer Bewohner
KAPITEL 17 - Der Hund von Ulster
KAPITEL 18 - Schmuggler auf dem Nordatlantik
KAPITEL 19 - Die Krypta des Marley Augur
KAPITEL 20 - Vater und Sohn
Dank

Dank

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Ich danke meiner Familie, meinen Freunden und meinen Schülern, die mein kreatives Streben beflügelt und mich ermutigt haben, wenn es schwierig wurde. Mein besonderer Dank gilt jenen, die im Einzelnen zu meinem Manuskript und den Illustrationen Stellung genommen haben, unter anderem John Neff, Viktoria Neff, Matt Markovich, Chris Casgar, Jacquie Duncan, Josh Richards und Gerald Zimmerman. Für ihren Witz und ihre Klugheit bin ich meinen Lektoren, Nick Eliopulos und Jim Thomas, sowie meiner Agentin, Tracey Adams, zu Dank verpflichtet. Und zum Schluss ein ganz besonderes Dankeschön an meine Mutter, Terry Neff Zimmerman. Ohne ihre unablässige Unterstützung und ihre brillanten Kommentare hätte Max wohl nie den Sprung von der Idee aufs Papier geschafft.

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© Perry Hagopian/Jill Pagenelli

DER AUTOR


Henry H. Neff wurde 1973 in Massachusetts geboren und wuchs in Chicago auf. Nach dem Studium der Geschichte arbeitete Neff als Unternehmensberater bei McKinsey & Co. Nach fünf Jahren gab er seinen Job auf und zog nach San Francisco. Heute unterrichtet er an einer Highschool Geschichte und Kunst. Nebenher schreibt und illustriert er Bücher. »Schule der Magier« ist sein erstes Kinderbuch.

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KAPITEL 1

Der Junge, der Zug und der Wandteppich

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Max McDaniels drückte die Stirn gegen das Zugfenster und beobachtete die Gewitterwolken, die über den gelblichen Himmel dahinjagten. Die ersten Regentropfen klatschten leise auf das Glas. Der Himmel verdunkelte sich zu einem bläulichen Grau. Das Fenster beschlug unter Max’ Atem und er betrachtete blinzelnd sein wässriges Spiegelbild in der Scheibe. Es blinzelte zurück: ein Junge mit dunklen Augen, gewelltem schwarzen Haar und den ausgeprägten Wangenknochen seiner Mutter.

Als neben ihm die dröhnende Stimme seines Vaters erklang, drehte Max sich zu ihm um.

»Welche gefällt dir besser?«, fragte sein Vater mit einem begeisterten Grinsen. Zwischen seinen dicken Fingern hielt er zwei auf Hochglanzpapier gedruckte Anzeigen. Max sah sich die Anzeigen an, und sein Blick blieb an dem Bild einer eleganten Frau hängen, die lachend und mit in den Nacken geworfenem Kopf an einer Küchenspüle stand.

»Dieses hier gefällt mir jedenfalls nicht«, sagte er. »Es ist viel zu unecht.«

Mr McDaniels’ breites Lächeln erlosch. Er machte ein enttäuschtes Gesicht. Max’ Vater war groß wie ein Bär, hatte hellblaue Augen, und in der Mitte seines kräftigen Kinns war ein Grübchen zu erkennen.

»Es ist nicht unecht«, protestierte er, betrachtete mit zusammengekniffenen Augen die Annonce und strich sich über sein einst dichteres braunes Haar. »Was ist daran unecht?«

»Niemand ist derartig glücklich, wenn er Geschirr spült«, erwiderte Max und zeigte auf die strahlende Frau, deren Arme bis zu den Ellenbogen im Spülwasser steckten. »Und niemand macht den Abwasch in einem so schicken Kleid …«

»Aber das ist doch gerade der Witz!«, unterbrach ihn sein Vater und wedelte mit der Anzeige herum. »Ambrosia ™ ist das erste ›Ultra-Premium‹-Spülmittel! Ein himmlischer Seifenschaum, der sanft genug für die Badewanne ist, aber trotzdem die Kraft hat, um mit dem zähesten …«

Max wurde rot. »Dad …«

Mr McDaniels hielt gerade lange genug inne, um zu sehen, dass die anderen Fahrgäste sie neugierig beobachteten. Mit einem leisen Schnauben schob er die Annoncen wieder in seinen Regenmantel, während der Zug am Stadtrand vorübergehend zum Stehen kam.

»So schlimm ist es ja gar nicht«, versicherte Max ihm. »Vielleicht könntest du sie nur etwas weniger breit lächeln lassen oder so etwas in der Art.«

Mr McDaniels kicherte, rutschte mit seinem breiten Hinterteil zu seinem Sohn hinüber und quetschte ihn dabei ziemlich ein. Während sich noch mehr Leute in den Zug zwängten, Regenschirme hinlegten oder sich das nasse Haar aus den Augen schüttelten, verschaffte Max sich mit den Ellenbogen ein wenig mehr Platz.

Ein Donnerschlag ließ den Waggon erzittern. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Als es plötzlich dunkel wurde, kreischten und lachten die Fahrgäste. Max umklammerte den Arm seines Vaters. Dann ging die gelbliche Innenbeleuchtung des Zugs auch schon wieder flackernd an. Es regnete jetzt heftiger, während sie sich Chicago näherten, einer gewaltigen Silhouette aus Stahl und Stein, die sich scharf vor dem sommerlichen Gewitterhimmel abzeichnete.

Max grinste noch immer, als er den Mann sah. Er saß auf der anderen Seite des Gangs in der Reihe hinter ihnen, bleich und ungepflegt, mit kurzem schwarzen Haar, das noch feucht vom Regen war. Er wirkte erschöpft. Seine Augenlider flatterten, und während er seinen schmutzigen Mantel enger um sich zusammenzog, formte er, das Gesicht dem Fenster zugewandt, mit den Lippen lautlose Worte.

Max wandte sich einen Moment lang ab und drehte sich erneut um, um besser sehen zu können. Dann stockte ihm der Atem.

Der Mann starrte ihn an. Vollkommen reglos saß er da und hielt den Blick der erstaunlich ungleichen Augen fest auf Max gerichtet. Das eine Auge war grün, aber das andere glänzte so weiß wie ein gepelltes Ei. Wie gebannt betrachtete Max dieses eigenartige Auge. Es sah aus wie ein blindes, totes Etwas – etwas aus einem Albtraum.

Aber aus irgendeinem Grund wusste Max, dass dieses Auge weder blind noch tot war. Er wusste, dass es ihn beobachtete und abschätzte, so wie seine Mutter früher prüfend ein Glas Wein oder ein altes Foto angesehen hatte. Ohne Max’ Blick auszuweichen, wandte der Mann den Kopf vom Fenster ab und schob sich näher an den Gang heran.

Der Zug fuhr in einen Tunnel ein, und im Waggon wurde es dunkel. Ein Anflug von Angst erfasste Max. Er begrub das Gesicht in dem warmen Mantel seines Vaters. Mr McDaniels stieß einen unverständlichen Laut aus und ließ mehrere Produktbroschüren auf den Boden fallen. Schließlich verlangsamte der Zug das Tempo, bis er stehen blieb. Max hörte die Stimme seines Vaters.

»Du schläfst mir doch nicht ein, Max? Such deine Sachen zusammen – wir sind da, Junge.«

Als Max wieder aufblickte, war der Waggon hell erleuchtet, und die Passagiere schlurften auf die Ausgänge zu. Sein Blick huschte von Gesicht zu Gesicht. Der eigenartige Mann war nirgends mehr zu sehen. Mit geröteten Wangen klemmte Max sich seinen Regenschirm und seinen Zeichenblock unter den Arm und eilte hinter seinem Vater her.

Im Bahnhof herrschte ein großes Gedränge von Leuten, die zu den Bahnsteigen oder zu den Ausgängen eilten. Aus Lautsprechern dröhnten Stimmen. Leute, die zum Einkaufen gekommen waren, bahnten sich mit Taschen und Kindern im Schlepptau ihren Weg durch die Menge. Mr McDaniels lotste Max über die Rolltreppe hinunter zu den Ausgängen. Es hatte aufgehört zu regnen, aber der Himmel war noch immer bedrohlich finster. Zeitungspapier wurde über die Straße gewirbelt. Sie erreichten eine Reihe gelber Taxis. Mr McDaniels verständigte sich mit einem der Fahrer, öffnete die hintere Tür des Taxis und trat beiseite, damit Max zuerst einsteigen konnte.

»Zum Kunstmuseum, bitte«, sagte sein Vater.

Während das Taxi Richtung Osten auf den See zufuhr, verrenkte Max sich den Hals, um bis zu den Dächern der Wolkenkratzer hinaufsehen zu können.

»Dad«, begann Max. »Hast du im Zug diesen Mann gesehen?«

»Welchen Mann?«

»Er hat auf der anderen Seite des Gangs in der Reihe hinter uns gesessen«, antwortete Max schaudernd.

»Nein, ich glaube nicht«, sagte sein Vater und schnippte einen Staubfussel von seinem Regenmantel. »Was war so besonders an ihm?«

»Weiß nicht. Er sah zum Fürchten aus und er hat mich angestarrt. Bevor wir in den Tunnel gefahren sind, sah er so aus, als wolle er etwas sagen oder zu uns herüberkommen.«

»Hm, wenn er dich angestarrt hat, liegt das wahrscheinlich daran, dass du ihn ebenfalls angestarrt hast«, meinte Mr McDaniels. »In der Stadt sieht man alle möglichen Leute, Max.«

»Ich weiß, Dad, aber …«

»Man darf ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen.«

»Ich weiß, Dad, aber …«

»Nehmen wir zum Beispiel diesen Burschen aus meinem Büro. Ein ganz junger Kerl, noch grün hinter den Ohren. Als ich zum ersten Mal diesen Jungen an der Kaffeemaschine sehe, mit geschminkten Augen und einer Harpune quer durch die Nase … und aus seinen Kopfhörern plärrt Musik …«

Während sein Vater einmal mehr ihm diese bereits wohlbekannte Geschichte erzählte, blickte Max aus dem Fenster des Taxis. Schließlich entdeckte er, wonach er Ausschau gehalten hatte: zwei Bronzelöwen, die hoch aufgerichtet und stolz links und rechts neben dem Eingang des Kunstmuseums standen.

»Dad, da ist das Museum.«

»Stimmt, stimmt. Oh, bevor ich es vergesse«, sagte Mr McDaniels und wandte sich mit einem traurigen kleinen Lächeln auf seinem breiten Gesicht zu Max um. »Danke, dass du heute mitgekommen bist, Max. Ich weiß es zu schätzen. Und deine Mom ebenfalls.«

Max nickte ernst und drückte seinem Dad fest die Hand. Die McDaniels hatten Bryn McDaniels’ Geburtstag stets mit einem Besuch ihres Lieblingsmuseums gefeiert. Trotz des Verschwindens seiner Mutter vor über zwei Jahren hielten Max und sein Vater an dieser Tradition fest.

 

Im Gebäude fragten sie eine junge Frau mit einem Namensschild, wo Bryn McDaniels’ Lieblingsmaler zu finden seien. Max hörte zu, während sein Vater die Namen, die er sich auf einem Zettel notiert hatte, herunterratterte: Picasso, Matisse und Van Gogh kamen ihm mühelos über die Lippen, aber bei dem letzten Namen geriet er ins Stocken.

»Goh-gin, fragte er, verzog das Gesicht und blickte stirnrunzelnd auf das Papier.

»Gauguin. Ein wunderbarer Maler. Seine Arbeiten werden Ihnen bestimmt gefallen.« Die Frau lächelte und zeigte ihnen eine breite Marmortreppe, über die man in den ersten Stock gelangte.

»Deine Mom kannte all diese Namen. Aber ich habe keinen Kopf für solche Dinge, ganz gleich, wie oft ich hierherkomme.« Mr McDaniels lachte leise und klopfte Max mit der Karte leicht auf die Schulter.

Die Räume im oberen Stockwerk waren voller Farbe – gewaltige bunte Wirbel in dicken Schichten auf Leinwand und Holz. Mr McDaniels zeigte auf ein großes Gemälde von Fußgängern auf einer verregneten Pariser Straße.

»Das sieht ein wenig so aus wie bei uns heute, hm?«

»Der Regen, ja, aber damit du so aussähest wie auf dem Bild hier, müsstest du einen schwarzen Schnurrbart und einen Zylinder tragen«, überlegte Max laut, während er mit zusammengekniffenen Augen eine Figur im Vordergrund musterte.

»Igitt! Ich hatte früher mal einen Schnurrbart. Aber deine Mutter hat mich dazu gebracht, ihn abzurasieren, als wir uns damals besser kennenlernten.«

Einige Bilder beherrschten ganze Wände, während andere sich in kleinen vergoldeten Rahmen versteckten. Max und sein Vater verbrachten etwa eine Stunde damit, von Gemälde zu Gemälde zu gehen, und verwandten ein wenig mehr Zeit auf Mrs McDaniels’ Lieblingsbilder. Max gefiel besonders ein Picasso, auf dem ein alter Mann mit wettergegerbtem Gesicht eine Gitarre in den Armen hielt. Er war gerade in die Betrachtung des Gemäldes versunken, als er seinen Vater hinter sich rufen hörte.

»Bob? Bob Lukens! Guten Tag!«

Als Max sich umdrehte, sah er, wie sein Vater den Arm eines dünnen, mit einem schwarzen Pullover bekleideten Mannes in mittleren Jahren wie einen Pumpenschwengel auf und ab bewegte. Der dünne Mann hatte eine Frau bei sich, und die beiden lächelten zögernd, als Mr McDaniels ihnen den Weg versperrte.

»Hallo, Scott. Schön, Sie zu sehen«, sagte der Mann höflich. »Schätzchen, das ist Scott McDaniels. Er arbeitet an einer Kampagne für Bedford Brothers …«

»Oh, was für eine nette Überraschung. Freut mich, Sie kennenzulernen, Scott.«

»Sie werden Ihre Einstellung zum Thema Suppe vollkommen verändern, dröhnte Mr McDaniels und zeigte mit einem Finger zur Decke.

Mrs Lukens zuckte zusammen und ließ ihre Handtasche fallen.

»Stellen Sie sich einen Wintertag vor«, fügte Mr McDaniels hinzu und bückte sich, um Mrs Lukens’ Sachen aufzuheben, während sie einen Schritt hinter ihren Mann trat. »Ihre Nase läuft, der Wind pfeift und Sie haben nur eine Dose nichtssagender Suppe in der Speisekammer, um Ihren Bauch zu wärmen. Aber mit Bedford Brothers knusprigen Suppencroutons™ ist keine Suppe langweilig. Mit ihren tollen Formen und ihrem Knusperbiss peppen Sie jede Suppe auf, dass Ihre Geschmacksnerven jauchzen!«

Mr McDaniels tippte sich salutierend mit der Hand an die Stirn und nahm Habachtstellung ein. Max wollte nach Hause.

Mr Lukens lachte. »Habe ich schon erwähnt, dass Scott ein Fanatiker ist, Schätzchen?«

Mrs Lukens wagte ein Lächeln, während Mr McDaniels ihr die Hand schüttelte und sich dann zu Max umwandte.

»Max, ich möchte dir Mr und Mrs Lukens vorstellen. Mr Lukens leitet unsere Werbeagentur – der große Boss. Max und ich sind hier, um uns eine Dosis Kultur zu holen, stimmt’s?«

Max lächelte nervös und hielt Mr Lukens die Hand hin, die der Chef seines Vaters herzlich schüttelte.

»Freut mich, dich kennenzulernen, Max. Schön, einem jungen Mann zu begegnen, der sich von Videospielen und MTV losreißen kann! Hast du schon etwas gesehen, das dir gefällt?«

»Mir gefällt dieser Picasso«, sagte Max.

»Den habe ich auch immer gern gemocht. Du hast ein gutes Auge.« Mr Lukens klopfte ihm auf die Schulter und wandte sich wieder zu Mr McDaniels um. »Ich würde Max ja gern bitten, den Picasso mit einem meiner Lieblingsbilder zu vergleichen, aber das ist bedauerlicherweise verschwunden.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Mr McDaniels.

»Es war eins der drei Gemälde, die letzte Woche aus dem Museum gestohlen wurden«, antwortete Mr Lukens stirnrunzelnd. »In der Zeitung steht, dass erst gestern Nacht zwei weitere Gemälde aus dem Prado in Madrid gestohlen worden sind.«

»Oh«, sagte Mr McDaniels. »Wie schrecklich.«

»Es ist tatsächlich schrecklich«, stellte Mr Lukens fest und sah dann wieder zu Max hinüber. »Bringen Sie Max doch irgendwann mal mit ins Büro, Scott. Ich habe einen Druck von meinem verschwundenen Lieblingsbild dort hängen, und dann wollen wir mal sehen, ob Rembrandt Picasso übertrumpfen kann!«

»Mache ich, mache ich«, antwortete Mr McDaniels, bevor er sich zu Max wandte. »He, Sportsfreund«, sagte er mit einem Augenzwinkern. »Ich muss mit Mr Lukens noch ein wenig übers Geschäft reden, und ich möchte dich nicht zu Tode langweilen. Wie wär’s, wenn du ein paar von diesen Blechanzügen malen würdest, die du immer mit deiner Mom gezeichnet hast? Wir treffen uns dann in einer halben Stunde unten im Museumsshop in der Eingangshalle. In Ordnung?«

Max nickte und verabschiedete sich von den Lukens, die prompt vor dem wild gestikulierenden Scott McDaniels zurückwichen. Max drückte Zeichenblock und -stifte fest an sich und machte sich auf den Weg. Er kochte innerlich, weil sein Vater sich niemals eine Gelegenheit entgehen ließ, übers Geschäft zu sprechen, nicht einmal am Geburtstag seiner Mutter.

 

Der Saal des Museums, in dem die Rüstungen standen, war dunkler als die anderen, und die Ausstellungsstücke verströmten hinter sauberen Glasscheiben einen sanften Glanz. Hier befanden sich weniger Besucher, und Max war froh, relativ ungestört zeichnen zu können. Er schlenderte an Absperrungsseilen aus Samt vorbei und blieb stehen, um hier eine Armbrust zu betrachten und dort einen Kelch. An den Wänden waren alle möglichen Waffen aufgereiht: schwarze Eisenkeulen, Äxte mit breiten Klingen und lange, mächtige Schwerter. Er blieb einen Moment vor einem Ständer mit Hellebarden stehen, bevor er das perfekte Zeichenmotiv entdeckte.

Die Rüstung war gewaltig. Silbern glänzend stand sie in ihrer breiten Glasvitrine und ließ die Rüstungen links und rechts geradezu winzig erscheinen. Max ging auf die andere Seite herum und legte den Kopf in den Nacken, um den Helm besser betrachten zu können. Einige Minuten später hatte er die Umrisse der Rüstung auf dem Papier skizziert.

Während Max sich mühte, den kunstvollen Brustpanzer zu zeichnen, erregte eine Bewegung am anderen Ende des Saals seine Aufmerksamkeit. Er spähte durch die Glasvitrine. Ihm stockte der Atem.

Der Mann aus dem Zug.

Max ging hinter der Vitrine in die Hocke und beobachtete, wie der Mann auf den Wachmann am Eingang des Saals einredete. Er machte schnelle, hackende Bewegungen mit der Hand, während seine Stimme lauter wurde.

»So groß«, zischte er mit einem osteuropäischen Akzent. Er hielt die Hand etwa in die Höhe von Max’ Kopf. »Ein schwarzhaariger Junge von ungefähr zwölf Jahren. Er hat einen Zeichenblock bei sich.«

Der Wachposten wich bis zum Türpfosten zurück und musterte den Mann von oben bis unten, während er langsam nach seinem Funkgerät griff. Aber in diesem Moment beugte der eigenartige Mann sich vor und knurrte etwas, das Max nicht verstehen konnte. Unerklärlicherweise nickte der Wachmann daraufhin und deutete mit seinem dicken Daumen über die Schulter zu den Rüstungen, wo Max sich versteckte.

Verzweifelt sah Max sich um und entdeckte rechts neben sich einen dunklen Durchgang. Davor war ein Seil gespannt. Auf dem daran befestigten Schild stand zu lesen: RENOVIERUNGSARBEITEN. BITTE NICHT BETRETEN.

Max ignorierte das Schild, duckte sich unter dem Seil hindurch und verschwand um die Ecke. Starr an die Wand gedrückt, wartete er darauf, dass sein Versteck entdeckt werden würde. Nichts geschah. Sekunden verstrichen, bevor Max merkte, dass er seinen Zeichenblock im anderen Saal vergessen hatte. Eine Welle der Panik schlug über ihm zusammen. Gewiss würde der Mann den Block sehen und erraten, wo Max sich versteckte.

Eine Minute verging, dann noch eine und noch eine. Max hörte die Schritte und die zwanglosen Gespräche der Leute, die an der Tür vorbeischlenderten. Er spähte um die Ecke. Der Mann war fort – sein Zeichenblock auch. Während Max sich langsam zu Boden gleiten ließ, sah er vor seinem inneren Auge seinen Namen und seine Adresse, die er ordentlich mit Bleistift auf die Innenseite des Deckblatts geschrieben hatte. Er hob den Kopf und ließ seinen Blick hoffnungslos durch den Raum schweifen, in dem er sich versteckt hatte.

Er war überraschend klein für einen Ausstellungssaal. Die Luft roch modrig und im Raum herrschte ein sanftes bernsteinfarbenes Leuchten. Der einzige Gegenstand darin war ein ausgefranster Gobelinteppich, der an der Wand hing. Max blinzelte. Es kam ihm eigenartig vor, aber es war der Wandteppich, der das warme Licht verströmte.

Max ging näher heran. Der Wandteppich war sehr alt. Die Sonne und die Jahrhunderte hatten seine Farben ausgebleicht. Jetzt waren nur noch fleckige, verblasste ockergelbe Streifen übrig. Aus der Nähe bemerkte Max jedoch, dass schwache Farbspuren und Strömungen unter der dumpfen, groben Oberfläche des Bildes hindurchschimmerten.

In Max’ Magen begann es zu kribbeln, als hätte er eine Handvoll Bienen verschluckt. Die feinen Härchen auf seinem Arm stellten sich eins nach dem anderen auf. Er hielt reglos und schwer atmend inne.

Zong!

Ein einzelner Faden flammte in hellem Gold auf. Mit einem erschrockenen Aufschrei sprang Max zurück. Der Faden leuchtete wie Feuer und war so fein und zart wie Spinnenseide. Er vibrierte wie eine Harfensaite und gab einen einzigen, melodischen Ton von sich, der Luft und Raum mitschwingen ließ, bevor er verklang. Max sah zum Ausgang. Museumsbesucher schlenderten vorbei, aber sie schienen weit weg zu sein und ahnten nichts von dem kleinen Saal, dem Jungen und dem eigenartigen Wandteppich.

Weitere Fäden des Teppichs erwachten zum Leben. Aus ihrem Schlummer gezupft, gingen sie in einen anschwellenden Chor aus Licht und Musik über. Einige ertönten allein, in einem plötzlichen Aufflammen von Licht und Klang, andere kamen gemeinsam in miteinander verwobenen Harmonien von Silber, Grün und Gold zum Vorschein. Max kam es so vor, als hätte er ein fremdartiges Instrument vom Staub befreit, das jetzt einen eigentümlichen und vergessenen Gesang anstimmte. Der Klang wurde voller. Als der letzte Faden singend zum Leben erwacht war, stieß Max plötzlich ein gequältes Ächzen aus. Der Schmerz war quälender als ein Stechen. Sein Ursprung war tief in ihm.

Dieses Gefühl begleitete Max, seit er denken konnte. Es war etwas Lauerndes, Riesiges und Wildes. Max fürchtete sich davor. Sein Leben lang hatte er sich unter großen Anstrengungen bemüht, dieses Etwas in sich einzuschließen. Die Kämpfe hatten ihm Kopfschmerzen bereitet, sogar einige unerträgliche Anfälle, nach denen Max tagelang im Bett gelegen hatte. Er wusste, dass es nun damit ein für allemal vorbei war. Er spürte, dass sich dieses Etwas jetzt Bahn brach und seine Gefangenschaft beendete. Es drang langsam in sein Bewusstsein, dass er endlich frei war. Dann wühlte diese Erkenntnis sein Innerstes auf.

Der Schmerz verebbte. Während ihm die Tränen in warmen, kleinen Bächen übers Gesicht rannen, holte Max tief Luft. Dann strich er mit den Fingern über die gewebte Oberfläche des Wandteppichs. Das Licht und die Farben verlagerten sich und formten goldene, einander überlappende Muster, die drei fremdartige Worte am oberen Rand leuchten ließen.

 

TÁIN BÓ CUAILNGE

 

Unter diesen Worten war die wunderschön gewebte Darstellung eines Bullen auf einer Weide zu sehen. Das Tier war umringt von Dutzenden schlafenden Kriegern. Von der rechten Seite näherte sich eine Schar bewaffneter Männer. Und am Himmel darüber kreisten drei schwarze Vögel. Auf einem nahen Hügel erkannte man die Silhouette eines hochgewachsenen Mannes. Er hielt einen Speer in der Hand und schaute auf die Szene herunter.

Max’ Blick glitt über das Bild, kehrte aber immer wieder zu der dunklen Gestalt auf dem Hügel zurück. Langsam wurde das Leuchten des Wandteppichs heller. Seine Motive zitterten und tanzten hinter schimmerndem Hitzeflimmern. Mit einem wachsenden Anschwellen von Geräuschen brach der Wandteppich in ein so heißes und strahlendes Leuchten aus, dass Max befürchtete, es werde ihn verzehren.

»Max! Max McDaniels!«

Der Raum war wieder dunkel. Der Teppich hing an der Wand – stumpf, hässlich und unbeweglich. Verwirrt und ängstlich wich Max zurück und kletterte über das Seil zurück in den Mittelalter-Saal.

Am Eingang der Galerie war die große und kräftige Gestalt seines Vaters neben zwei Wachleuten deutlich erkennbar. Max rief nach ihm. Als Mr McDaniels seine Stimme erkannte, kam er auf seinen Sohn zugerannt.

»Oh, Gott sei Dank! Gott sei Dank!« Mr McDaniels wischte sich erleichtert Tränen vom Gesicht, bevor er Max mit seinem weiten Mantel beinahe erstickte. »Max, wo um alles auf der Welt hast du gesteckt? Ich suche dich seit zwei Stunden!«

»Dad, es tut mir leid«, erwiderte Max verdutzt. »Alles in Ordnung. Ich war nur drüben in dem anderen Saal. Aber ich bin nicht mehr als zwanzig Minuten weg gewesen.«

»Wovon redest du? Was für ein anderer Saal?« Mr McDaniels’ Stimme zitterte, während er über Max’ Schulter spähte.

»Der, der renoviert wird«, antwortete Max und drehte sich um, um auf das Schild zu zeigen. Er brach ab, begann zu sprechen und brach wieder ab. Da war kein Durchgang, kein Schild und kein Absperrseil.

Mr McDaniels wandte sich den beiden Wachposten zu und schüttelte ihnen fest die Hand. Als die Männer außer Hörweite waren, drehte er sich zu Max. Seine Augen waren gerötet. Ein forschender Blick lag darin.

»Max, sei ehrlich zu mir. Wo bist du die letzten zwei Stunden gewesen?«

Max holte tief Luft. »Ich war in einem kleineren Nebensaal. Dad, ich schwöre dir, ich habe nicht gemerkt, dass ich so lange dort war.«

»Wo war dieser Saal?«, fragte Mr McDaniels und faltete den Plan des Museums auf.

Max wurde übel. Der Saal mit dem Wandteppich war auf dem Plan nicht eingezeichnet.

»Max … Ich werde dir diese Frage jetzt nur ein einziges Mal stellen: Lügst du mich an?«

Max starrte auf seine Schuhe. Als er den Blick wieder hob und seinen Vater ansah, sagte er leise und zitternd: »Nein, Dad. Ich lüge nicht.«

Bevor Max den Satz ganz beendet hatte, zog sein Vater ihn auch schon energisch in Richtung Ausgang. Ein paar Mädchen in seinem Alter kicherten und tuschelten miteinander, während Max schlurfend und mit hängendem Kopf zum Museumsausgang und die Treppe zur Straße hinuntergeschleift wurde.

Während der Taxifahrt zum Bahnhof war nur zu hören, wie Mr McDaniels nervös seine Werbebroschüren durchblätterte. Max bemerkte, dass sein Vater sie verkehrt herum hielt. Als das Taxi in der Nähe des Bahnhofs anhielt, nahmen Regen und Wind an Heftigkeit wieder zu.

»Bitte vergiss nichts«, seufzte Mr McDaniels, während er auf der anderen Seite des Taxis ausstieg. Er klang müde und traurig. Max ließ den Kopf hängen und hielt es für besser, seinem Vater nicht zu erzählen, dass er auch noch seinen Zeichenblock verloren hatte.

Im Zug ließen Vater und Sohn sich auf eine gepolsterte Sitzbank fallen. Mr McDaniels reichte dem Schaffner seine Fahrkarte. Dann sank er tief in die Rückenlehne und schloss die Augen. Der Schaffner wandte sich an Max.

»Deine Fahrkarte, bitte.«

»Oh, gleich, ich hab sie hier«, murmelte Max geistesabwesend. Er griff in seine Tasche, aber zum Vorschein kam statt der Fahrkarte ein schmaler Umschlag. Der Anblick seines Namens, der deutlich auf dem Umschlag geschrieben stand, ließ ihn innehalten.

Verwirrt nahm Max die Fahrkarte aus seiner anderen Tasche und reichte sie dem Schaffner. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass sein Vater noch immer die Augen geschlossen hatte, besah Max sich den Umschlag etwas genauer. Im warmen Licht des Waggons schien er cremefarben. Jedenfalls handelte es sich um kräftiges Papier. Er drehte den Umschlag um und betrachtete die seidig glänzende dunkelblaue Schrift.

 

Mr Max McDaniels

 

Der Atem seines Vaters ging jetzt in regelmäßigen Zügen. Max öffnete den Umschlag und zog einen zusammengefalteten Brief hervor.

 

Lieber Mr McDaniels,

 

aus unseren Unterlagen geht hervor, dass Sie sich heute Nachmittag um 15:37 Central Standard Time, U.S. als Potentieller registriert haben.
Herzlichen Glückwunsch, Mr McDaniels!
Sie müssen ein sehr bemerkenswerter junger Mann sein, und wir freuen uns darauf, Ihre Bekanntschaft zu machen. Einer unserer regionalen Repräsentanten wird sich in Kürze mit Ihnen in Verbindung setzen. Wir wären Ihnen verbunden, wenn Sie diese Angelegenheit bis zu diesem Zeitpunkt mit absolutem Stillschweigen und äußerster Diskretion behandeln würden.

 

Mit freundlichen Grüßen
Gabrielle Richter
Geschäftsführende Direktorin

 

Max las den Brief mehrmals, bevor er ihn wieder in seinem Umschlag verstaute. Er fühlte sich total erschöpft. Außerdem hatte er nicht die geringste Ahnung, wie der Brief in seine Tasche gekommen war, geschweige denn, was ein »Potentieller« war. Und was hatte das alles mit ihm zu tun? Er vermutete jedoch, dass es etwas mit dem verborgenen Wandteppich zu tun hatte und mit diesem rätselhaften Gefühl, das sich in ihm ausgebreitet hatte.

Max starrte aus dem Fenster. Helle Sonnenstrahlen brachen zwischen zerfetzten Gewitterwolken am westlichen Himmel hervor. Erschöpft lehnte er sich an seinen Vater und schlummerte ein. Den geheimnisvollen Umschlag hielt er fest umklammert.